Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

330 Vierundzwanzigstes Buch. Drittes Kapitel. 
Vorlesungen: die Ideen Gottes in der geschichtlichen Welt, 
dem einzigen ihrer würdigen Schauplatze, galt es zu erahnden, 
zu ergründen. Und nun reihte sich in der Entwicklung und 
Erweiterung dieses Standpunktes Werk an Werk: die Ge—⸗ 
schichte der Päpste als der einzigen noch bestehenden Universal— 
gewalt des Abendlandes; die Geschichte der deutschen Reforma— 
tion als des großen germanischen Fermentes der europäischen 
Völkerentwicklung neuerer Zeiten; die preußische Geschichte zur 
Zeit der beginnenden Erhebung der brandenburgischen Mark— 
grafschaft zur europäischen Großmacht; die englische und franzö— 
sische Geschichte in den Zeiten Cromwells und Ludwigs XIV. 
in ihrem Einwirken auf die großen kommerziellen und politischen 
Fragen des Kontinents; dazu eine reiche Fülle kleinerer Arbeiten 
und universalgeschichtlich gefaßter Biographien: bis der Vier— 
undachtzigjiährige dem ungeheuren Gedanken der Weltgeschichte 
Raum gab. Nur ihm lebend, ein Überleber seiner Zeitgenossen 
— denn Alter ist an und für sich Einsamkeit, wie er wohl 
schrieb — hat er noch über sechs Jahre lang geschaffen: und 
dies in seinem laugen Sonnenuntergang so glückliche Dasein ist 
nicht erloschen, ehe nicht der Zusammenhang des letzten großen 
Werkes mit den früheren Geschichten der europäischen Welt 
des 16. bis 19. Jahrhunderts in der Hauptsache gewonnen war. 
Ranke ist weder in dem Getriebe der historischen Methode 
noch in dem Ideenkreise der romantischen Philosophie völlig auf⸗ 
gegangen. Mit Recht hat er Scherer, der ihn einmal auf seine 
geistigen Ursprünge klassifikatorisch auszufragen suchte, den Weg 
mit dem humorvollen Worte abgeschnitten, er sei viel originaler, 
als man glaube. Er war vor allem eine lebensprühende Persön⸗ 
lichkeit. So war ihm Kritik und Methode schlechthin nur Hilfs— 
mittel und hob er sich schöpferisch über alle ihre kleinen Selbst— 
zwecke; so gingen ihm philosophische Probleme, die er andachts⸗ 
voll liebte, nur vom Standpunkte eines persönlich-innigen, an 
früher Lektüre Luthers gefestigten evangelischen Gottesglaubens 
aus auf: und insofern diese liebenswürdige Natur hassen konnte, 
haßte sie Hegel. So entnahm Ranke der Atmosphäre der 
Kantschen Philosophie nicht die harte Antinomie zwischen Freiheit
	        
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