Fortschritte des politischen Denkens. 498
noch späterer Zeit wie bis zu einem gewissen Grade sogar der
katholischen Dogmatik des Tridentinums und dem spekulativen
Subjektivismus der Theologen, die an die Philosophie Kants
und der Romantik anknüpften oder sich von dem populären
neuen Pietismus aufwärts zur Systembildung hinbewegten,
ist schließlich durch die Bibelforschung des neuen Zeitalters
ausgeglichen, vielleicht ließe sich besser sagen: erledigt worden.
Denn indem diese Forschung nachwies, daß nicht die positiven
Angaben der Evangelien, etwa gar insoweit sie Wunder und
Verwandtes mitteilen, als historisch beglaubigt gelten können,
sondern nur das religiös-sittliche Lebensideal, das sich in ihnen
auswirkt, haben sie für das Verständnis dieses Lebensideals
eine große Weite verschiedenartiger subjektiver Auffassungen
ermöglicht.
Es sind Zusammenhänge, die man heute vollkommen über⸗
blickt. Zu der Zeit, da die neue Bibelforschung einsetzte, in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, gleichzeitig mit der neuen
subjektivistischen historischen Quellenkritik der Heyne, Friedrich
August Wolf und Niebuhr überhaupt, sah man noch keines—
wegs so deutlich; und auch noch in den dreißiger und vierziger
Jahren des 19. Jahrhunderts erschienen die Ergebnisse dieser
Forschungen den meisten dazu bestimmt, dem Christentum jeden
positiven Inhalt zu nehmen. Es waren die Anschauungen
eines Momentes, den wir jetzt genauer ins Auge fassen müssen.
Die wissenschaftliche Quellenforschung war, so weit das
Neue Testament in Frage kam, alsbald mit dem vollen Auf⸗
blühen des subjektivistischen Zeitalters angeregt und begonnen
worden, so schon von Semler, Lessing, Eichhorn, in gewissem
Sinne auch von Herder: und Herder bereits hatte im Markus⸗
evangelium die älteste Aufzeichnung der apostolischen Über⸗
lieferung erkannt und das Johannesevangelium im ganzen
richtig zu charakterisieren gewußt. Später hatte sich dann auch
Schleiermacher mit den Quellenfragen eingehend beschäftigt.
Allein eine Methode wirklich rein wissenschaftlicher Art hat
doch erst der Tübinger Theologe Ferdinand Christian Baur, ge—
stüttt auf die mittlerweile in der Profangeschichte reich entwickelten