Dichtung.
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mit den Einzelheiten der neuen Skizze schwer zu behelfen: ganz
impressionistisch dagegen ist seine Kunst in den kleinen, un⸗
rechterweise Novellen genannten Kriegsskizzen. Denn hier wird
das höchste Ziel einer auf das Außere gehenden impressio—
nistischen Kunst erreicht: man erhält den so schwer künstlerisch
wiederzugebenden Eindruck des Unvermittelten zwischen den
Einzelereignissen einer Schlacht, und diese Ereignisse selbst
fluten im raschen Wechsel des Tempos bald, bald huschen sie
nur vorüber; eilends, und doch völlig klare Bilder hinterlassend,
sowie greifbar nahe in ihrem Detail schreitet die Erzählung
vorwärts.
Und Liliencron stand mit dieser neuen Kunst bald nicht
mehr allein. Aus Wien, das sich im allgemeinen erst etwas
später an der neuen litterarischen Bewegung beteiligte, meldete
sich doch schon seit dem Ausgang der achtziger Jahre Karl
von Torresani mit höchst flott gezeichneten Freilichtbildern
(„Die Juckercomtesse“ 1890 u. a. m.), und Berlin wurde von
Rudolf Stratz mit raschem Zugreifen gezeichnet („Unter den
Linden“ 1894 u. s. w.). Noch früher aber ward ein echter
Berliner, Hugo Land (Landsberger, geb. 1861), vielleicht zum
charakteristischsten Vertreter dieser Skizzenart (,Die am Wege
sterben“ 1889). Denn Land kennt kaum schon eine Schilderung
der speziell psychischen Vorgänge; er giebt fast nur sinnlich—
physiologisch Erkennbares, ja beinah nur Augenfälliges wieder:
dies aber mit der schlagendsten Beobachtung, und zwar nicht
flüchtig, sondern in einer ausgedehnten Darstellung, die jedem
Einzeleindruck gerecht wird.
Da ist es nun anziehend, zu sehen, was Land erreicht,
wenn er einen Roman schreibt. Sollte hier nicht die vollendete
Kunst im einzelnen doch schon eine neue Komposition auch des
Ganzen ermöglicht haben? Der soziale Roman Lands „Der
neue Gott“, der 1890 erschien, sollte die Frage, womöglich
bejahend, beantworten. Aber wie sehr enttäuscht er: nichts ist
erreicht als Einzelbilder, und diese wieder haben unter dem Ver—
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Lamprecht. Deutiche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 19