9. Kap. Die ungeregelten socialen Beziehungen.
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Maschinenbetriebes verminderte, während sich das Angebot infolge der Ver
wendung weiblicher und jugendlicher Arbeitskräfte, der Einführung der Stück
arbeit und der Ausdehnung der Arbeitszeit vermehrte.
2. Sie mußten sich überarbeiten. Ihre Arbeitsleistungen waren nämlich
infolge des Uebergangs von dem System der Production in kleinen Werk
stätten zu der anstrengenden Thätigkeit in den Fabriken für die Kräfte er
schöpfender geworden, und dazu kam nun noch eine Verlängerung der täg
lichen Arbeitszeit, welche nunmehr in der Regel mehr denn 12, bisweilen
sogar 16 und noch mehr Stunden betrug.
3. Es kamen auch gewiffe Betrügereien und Erpressungen vor, z. B. die
Verhängung von Geldstrafen unter allen möglichen Vorwänden und die An
wendung des Trucksystems: die Zahlungen an die Arbeiter erfolgten nämlich
in Form von Anweisungen an gewiffe Geschäftsleute, die mit den Unter
nehmern im Einvernehmen standen und Waren lieferten, deren Werth den in
ben Anweisungen ausgedrückten Beträgen nicht entsprach.
4. Die Arbeiter sahen ihre Zukunft in keiner Weise gesichert. Sie
konnten jederzeit willkürlich entlassen werden, blieben beim Eintritt von Ge
schäftsstille oftmals lange Zeit hindurch ohne Beschäftigung und hatten nie
manden, der für sie oder ihre Kinder Sorge trug. In den neuen Industrie
städten erloschen inmitten des Ringens um Erwerb und Reichthum, welches
Zausende von Menschen, die einander nie zuvor gesehen hatten, in gegenseitige
Berührung brachte, jene alten persönlichen Beziehungen, welche aus dem
kollernden Zusammenleben entstanden waren. Es bestand nunmehr zwischen
ben großen Unternehinern und ihren Arbeitern, welche für die erstern nichts
nls lebende Werkzeuge waren, von denen sie weniger wußten als von ihren
Maschinen, eine weite Kluft. Unter diesen Verhältiliffen waren Aeußeruilgen
Möglich wie die folgende: ,Zwischen Unternehmern und Arbeitern kann ein
einträchtiges Verhältniß unmöglich bestehen. Die erstern haben ein Interesse
^ "ŗan, für möglichst wenig Geld möglichst viel Arbeitsleistungen zu erhalten?
Mißverhältnisse zwischen Herren und Arbeitern sind zu allen Zeiten vor
gekommen ; solange die zu Anfang unseres Jahrhunderts in England herrschen-
ou Zustände dauerten, waren dieselben aber ganz und gar gewohnheitsmäßig.
5. Es kamen sogar Fälle grausanler, geradezu unglaublich schlechter Be
sudlung von Kindern vor. Knaben inld Mädchen wurden übermäßig lange
^kit hindurch, bei Tag und Nacht, zu allen, auch den ungesundesten Arbeiten
verwendet, ohne daß ihnen wenigstens gehörige Ruhepausen gewährt worden
Mären. Ja sie wurden sogar mit Schlägen zur Arbeit angetrieben; man
stnn sich denken, mit welchen Folgen für die Gesundheit! Solche armen Ge-
lchöpfe galten einfach als Erwerbsmittel, da ihre Eltern in den meisten Fällen so
"*m und hilflos waren, daß sie auf keine Erwerbsquelle verzichten konnten.