Full text : Grundsätze der Volkswirtschaftslehre

6.  Kap.  Die  Geschichte  der  ökonomischen  Wissenschaft.

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Die  wesentlichen  Punkte,  in  denen  sich  Ricardos  System  von  jenem
Smiths  unterscheidet,  sind  die  folgenden.  Ricardo  nimmt  zunächst  an,  daß  die
wirtschaftlichen  und  socialen  Verhältnisse  wirklich  vollkommen  beweglicher  Natur
seien,  statt  diese  Beweglichkeit  nur  als  etwas  der  Natur  der  Dinge  Entsprechendes ­
  und  deshalb  Erstrebenswerthes  zu  betrachten;  ferner  schließt  er.
statt  sich  auf  falsche  ethische  Principien  zu  stützen,  die  Ethik  aus  dem  Bereiche
der  ökonomischen  Wissenschaft  gänzlich  aus,  und  endlich  läßt  er  sich  durch  die
Beobachtung  des  realen  Lebens  durchaus  nicht  beeinflussen,  sondern  schreitet,
von  seinen  falschen  Prämissen  ausgehend,  rücksichtslos  vorwärts.  So  findet
sich  denn  in  seinem  Werke  eine  menschliche  Lieblingsschwäche,  die  Vorliebe  zu
trügerischer  Einfachheit,  in  vollständigster  Weise  ausgeprägt.  Nichtsdestoweniger
ward  Ricardos  Werk  als  ein  Meisterstück  menschlicher  Weisheit  beinahe  mit
demselben  Enthusiasmus  begrüßt,  mit  welchem  Quesnays  .Tableau  économique* ­
  aufgenommen  worden  war.  Es  ist  wirklich  merkwürdig,  daß  ein
jedes  dieser  beiden  so  engherzigen  Werke  berufen  war,  die  Grundlage  für  eine
großartige  geistige  Schöpfung  eines  genialen  Mannes  zu  werden.  Wie  Adam
Smith  der  Schüler  Francois  Quesnays  war,  so  wurde  John  Stuart  Mill
derjenige  David  Ricardos.  Bei  beiden  Autoren  sind  aber  gerade  jene  Abschnitte ­
  ihrer  Werke,  in  welchen  sie  den  Grundsätzen  ihrer  Lehrer  am  schärfsten
widersprechen,  die  werthvollsten.  Leider  besteht  jedoch  zwischen  Adam  Smith
und  John  Stuart  Mill  noch  eine  andere  Aehnlichkeit,  nämlich  darin,  daß  ihre
Lehren  mit  den  Grundsätzen  des  Sittengesetzes  in  Widerspruch  stehen  und  daß
beide  Schriftsteller  von  Feindschaft  gegen  die  Religion  erfüllt  sind.  Es  ist
wirklich  schwer  zu  sagen,  was  am  widerwärtigsten  ist,  die  Spöttereien  Adam
Smiths  oder  das  systematische,  kalte  Beiseitesetzen  aller  religiösen  Ideen,  aller
Elemente  eines  religiösen,  ja  sogar  eines  ehrbaren  Familienlebens,  wie  John
Stuart  Mill  es  bethätigt.
Solche  Erscheinungen  können  übrigens  nicht  in  Erstaunen  setzen.  Nachdem ­
  man  die  wissenschaftliche  Behandlung  der  politischen  Oekonomie  von  der
Rücksichtnahme  auf  die  Ethik  frei  gemacht  und  diese  Wissenschaft  als  etwas
Neutrales  hingestellt  hatte,  konnte  man  zur  Aufstellung  der  unsittlichsten  und
mitisocialsten  Doctrinen  gelangen.  So  geschah  es  denn,  daß  die  Vertreter

unter  den  Deutschen:  Max  Wirth  (Grundzüge  der  Nationalökonomie.  2  Bde.
Frankfurt  a.  Dl.  1856  u.  1858)  und  H.  v.  Mangoldt  (Grundsätze  der  Volkswirtschaftslehre. ­
  Stuttgart  1863).  Es  ist  übrigens  selbstverständlich,  daß  unter  den
verschiedenen  auf  dem  Boden  des  wirtschaftlichen  Liberalismus  stehenden  Schriftstellern
beträchtliche  Meinungsverschiedenheiten  vorkommen  und  daß  ihnen  mit  nichten  sämtlich
eine  irreligiöse  Gesinnung  imputirt  werden  darf.  Durch  Bastiats  Schriften  z.  B.  geht
rin  wohlthuender  Hauch  der  Anerkennung  der  göttlichen  Güte  und  Fürsorge  für  das
Menschengeschlecht.
            
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