fullscreen: Die deutsche Wirtschaft

Reichsverfassung und Wirtschaft. 119 
sprachen, fielen für die Nationalversammlung in Weimar fort, Aber 
auch die gesamten Verhältnisse lagen so ganz anders. Mit der alten 
Verfassung hatte der Mann, dessen Hand Deutschland zur Höhe geführt 
hatte, den Schlußstein in den von ihm nach eigenem Plane gewölbten 
Bau des Reichs eingefügt. Die Größe der Tat und des Vollbringers 
prägt sich auch in der schlichten Nüchternheit der Verfassung aus, die, 
auf alles Beiwerk verzichtend, kein entbehrliches Wort enthielt. Die 
„schmerzgeborene‘ Verfassung von Weimar hat einen wesentlich 
anderen Charakter. Sie bedeutete nicht einen Abschluß, sondern sollte 
den Grund für eine neue Entwicklung legen, die sich, von wenigen vor- 
ausgesehen und wenigen wahrhaft willkommen, durch den plötzlichen 
Zusammenbruch des Reichsbaus als vermeintlich einziger Ausweg auf- 
zudrängen schien, Sie wurde schleunigst von ungeübten Händen auf 
den alten Fundamenten nach ausländischen Vorbildern errichtet, an- 
gesichts einer geistigen Verfassung der Nation, die, ihrer besten Söhne 
beraubt, enttäuscht und verbittert, durch leibliche Nöte geschwächt, 
durch leibliche Sorgen in Anspruch genommen, dem neu entstehenden 
Staatsgrundgesetze völlig teilnahmslos gegenüberstand, das Werk 
weder zu kontrollieren noch zu befruchten vermochte, oder aber, noch 
in revolutionärer Gärung begriffen, ganz anderen Zielen nachhing, 
Man glaubte in Weimar den „Volksstaat‘ zu schaffen und empfand 
deshalb das Bedürfnis, nicht nur zu denen zu reden, die die Verfassung 
auszuführen haben würden. Auch das Beispiel der Nationalversamm- 
lung in der Paulskirche, als deren Erbe man sich fühlte, drängte zu der 
hergebrachten Verkündung von Grundrechten. Der Verfassungs- 
entwurf von Preuß hatte dieser Neigung nur einige wenige, fast ver- 
legene Zugeständnisse gemacht. Es war verständlich, daß die National- 
versammlung es hierbei nicht bewenden lassen wollte. Nachdem 
einmal die Schleuse aufgezogen war, fanden die verschiedenartigsten 
Gedanken ihren Weg in die Verfassungsurkunde. 
Die Verfassung sollte zum Volke reden. Es war namentlich der 
Führer der Demokratischen Partei, der große Volksredner Naumann, 
der nach seinem eigenen Ausdruck einen Volkskatechismus schaffen 
wollte, um in Sätzen von sprichwortartiger Prägung das Wesen des 
neuen Staates zu verkünden. Dem zum Gesetzgeber gewordenen 
Volksredner wurde auch das Gesetz zur Volksrede. Die Aufgabe des 
Gesetzes, Recht zu setzen, trat immer mehr zurück, und es entstand 
jener zweite Hauptteil der Reichsverfassung, von dem der Reichs- 
minister Preuß, der doch bei der Entstehung der Verfassung ständig 
mitgewirkt hatte, schließlich gestehen mußte, daß selbst ihm es noch 
nicht geglückt sei, den Inhalt zu überschauen. Um ‚„Grundrechte‘ 
allein handelte es sich schon längst nicht mehr. Aber auch die Über-
	        
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