Metadata: Zur Entwicklung der Baumwollindustrie in Deutschland

93 
das, daß das Angebot den Bedarf übertrifft. Sobald der Unternehmer 
die Gewalt über die Maschine verliert, auf deren gleichmäßigem 
Gang die Sicherheit des Betriebes beruht, springt als gütiger Helfer 
der Handel ein. Er weckt hier und da Bedürfnisse, die vorher nicht 
vorhanden waren und schafft dem Produzenten Abflußkanäle für die 
Überproduktion, Nun aber behält der Handel den Hebel der Maschine 
in der Hand. Dem Produzenten ist eine Schätzung des gegenwärtigen 
und zukünftigen Bedarfs und der späteren Produktionsbedingungen 
nur in beschränktem Maße möglich, eine einigermaßen richtige Vor 
ausbestimmbarkeit der Preise wird für ihn illusorisch 1 )- Für die 
deutsche Spinnerei liegt die Sache insofern günstig, als sie durch die 
Zugehörigkeit zur Bremer Baumwollbörse mit dem Baumwollhandel 
koaliert ist, der Spinner hält also sozusagen die Fäden, die ihn mit 
dem Baumwollpflanzer verbinden, selbst in der Hand. — Wie schlimm 
es trotzdem mit der Übersehbarkeit der Einkaufsbedingungen bestellt 
ist, ist früher gezeigt worden. — Auf der anderen Seite, als Ver 
mittler zwischen Weber und Konsument, hat der Handel dafür un 
bedingtes Übergewicht. Er merkt zuerst, ob und w T ann das Angebot 
die Nachfrage übersteigt, und nun ist er jederzeit imstande, dem Pro 
duzenten die Preise zu diktieren. 
In der Baumwollindustrie liegt der Antrieb zu immer größerer 
Konkurrenz auf dem Weltmarkt schon in den verhältnismäßig vor 
aussetzungslosen Ansiedelungsbedingungen. Nur die Feinspinnerei 
bedarf eines gewissen Feuchtigkeitsgehaltes der Luft, der aber auch 
künstlich erzeugt werden kann. Sonst wird sich die Industrie da 
ansiedeln, wo billige Kohlen oder Wasserkräfte oder billige Arbeits 
kräfte vorhanden sind. Die Mannigfaltigkeit, die sich darin bietet, 
ist aber ziemlich groß. Ferner weist Tschierschky nachdrücklich auf 
die geringe kapitalistische Kapazität der Einzelunternehmung hin 
Hausindustrie und kleinkapitalistische Unternehmung spielen in der 
Baum Wollindustrie noch 1895 — hier kommt es auf die Zahl der 
Betriebe an — die erste Rolle. „Der Hausindustrielle, der sich etwa 
als verlegter Weber vom Plandarbeiter mit einem (Web-) Stuhl zum 
hausindustriellen Betriebsleiter mit nach und nach mehreren, zuerst 
mehr oder minder dem Verleger gehörigen Stühlen, sowie dement 
sprechender Zahl von Gehilfen durch Besitzerwerb der Stühle vom 
1) Ich folge hierbei der Darstellung von S. Tschierschky, Kartell und Trust, 
Göttingen 1903, S. 25ff. Dieser stützt sich seinerseits auf die Ausführungen in Sombarts 
„Kapitalismus“, Bd. II, S. 68ff. — Vgl. auch E. Harmening, Die notwendige Ent 
wicklung der Industrie zum Trust. Berlin 1904. (Sonderdruck aus dem „Archiv f. Rassen- 
und Gesellschafts-Biologie“, 2. Heft, 1904.)
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.