Full text : Kritische Geschichte der Nationalökonomie und des Socialismus

—  252  —

zuvor  bekundete.  In  die  zwei  Jahre,  welche  St.  Simon  seitdem
noch  fortlebte,  fällt  sein  „Neues  Christenthum”,  —  eine  Schrift,
die  als  Schlüssel  zu  allen  früheren  Verirrungen  dienen  kann
und  in  der  sich  die  Haltungslosigkeit  und  nebelhafte  Verschwommenheit ­
  seiner  Welt-und  Lebensauifassung  einen  letzten,
schwächlichsten,  aber  darum  auch  unverkennbarsten  Ausdruck
gegeben  hat.
6.  Schon  in  den  „Briefen  eines  Einwohners  von  Genf”
(1802),  mit  denen  St.  Simon  seine  neuen  Bestrebungen  begann,
zeigt  sich  jene  TJeberspanntheit,  die  den  universellen  Affect,
dessen  bekannteste  Formen  man  gewöhnlich  als  religiöse  Auffassung ­
  bezeichnet,  in  die  Wissenschaft  hineintrug  und  in  dieser
Metamorphose  zu  einem  bizarren  Cultus  werden  liess.  Die  vorgeschlagene ­
  Subscription  am  Grabe  Newtons  musste  für  Jeden,
der  sich  auf  geistige  Physionomik  auch  nur  ein  wenig  verstand,
ein  sicheres  Zeichen  sein,  dass  der  Verfasser  jener  Schrift  höchst
wahrscheinlich  einem  religionsartigen  Affect  immer  mehr  anheimfallen ­
  und  in  demselben  schliesslich  vollständig  untertauchen
und  endigen  w^erde.  Zunächst  war  es  noch  ein  phantasiemässig
verfälschtes  Bild  strenger  Wissenschaft,  durch  welches  der
autoritätsbedürftige,  einigermaassen  weibliche  Geist  zu  Verherrlichungen ­
  getrieben  wurde,  die  vom  Standpunkt  allgemeiner
rationaler  Wissenschaft  ihre  grossen  Bedenken  hatten.  Später
zeigte  es  sich  deutlich  genug,  dass  die  Imagination  und  jener
philanthropische  Affect,  der  sich  in  der  ganzen  Geschichte  als
eine  abgelenkte,  so  zu  sagen  üborströmende  und  auf  einen
unbestimmten  Gegenstand  gerichtete,  in  ihrer  Wurzel  aber  auf
der  Naturgrundlage  ruhende  Liebe  kennzeichnet,  —  es  zeigte
sich,  dass  dieser  vielen  Menschen  so  unbegreifliche  und  räthselhafte
  Trieb  mit  der  ihm  zugehörigen  üeberspannung  der  Phantasie ­
  den  gesammten  Ideenkreis  St.  Simons  beherrschte.  Erinnert ­
  man  sich  stets  dieses  tiefsten  Grundes  aller  seiner  ideellen
Vorstellungen,  so  wird  man  zum  Verständniss  seiner  mannichfaltigen
  Schriften  keines  weiteren  Leitfadens  bedürfen.  Man
wird  einsehen,  dass  auch  die  Richtung  auf  das  Sociale  und
Oekonomische  nur  eine  Folge  jenes  Standpunkts  gewesen  ist.
Eine  neue  Wissenschaft,  die  von  der  Natur  ausginge  und  das
sociale  Dasein  zum  Ziele  hätte,  sollte  die  Philanthropie  zu  einer
herrschenden  Thatsache  und  das  moralische  Gebot  des  Wohlwollens ­
  zu  einer  das  Reich  der  Wirklichkeit  durchdringenden
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.