4. Der Breslauer Wollmarkt und die Firma Eichborn & Co. 197
fender Rechnung, sondern ließ sich durch Bankhäuser seiner Leimat, hauptsächlich
Englands, Frankreichs, Belgiens, Schwedens bei derselben derart akkreditieren, daß
diese deren Anweisungen bis zu einem bestimmten Gesamtbeträge teils gegen einzu
liefernde Wolle, teils ohne diese Bedingung auszahlte und für den ganzen erhobenen
Betrag zuzüglich aller Spesen sich Wechsel auf das akkreditierende Laus geben lassen
mußte. Da die Käufer nach dem Breslauer noch die Märkte in Posen, Berlin,
Stettin und Landsberg, die dem Breslauer unmittelbar folgten, besuchen wollten,
verlangten sie die Nettoabrechnungen sämtlich am letzten Martttage, so daß zur Be
wältigung aller dieser Arbeiten manchmal Lilfskräfte herangezogen werden mußten.
In der Zeit der größten Blüte des Breslauer Wollmarktes sind auf diese Weise
über 2000000 Tlr. in den Markttagen durch Eichborn & Co. bar zur
Auszahlung gekommen, welche Gelder sich die Firma hauptsächlich gegen Dis
konten oder Lombard von der Königlichen Bank, teilweise auch durch Verkauf der
fremden Devisen, welche die Käufer ausstellten, beschafft hat. Sehr erschwerend wirkte
hierbei der Limstand, daß Papiergeld nur in beschränktem Maße kursierte und größten
teils Silber zur Zahlung verwendet werden mußte, das, in 500 Taler-Beutel verpackt,
mittelst großer zweispänniger Kastenwagen von der Bank geholt werden mußte; je
nach Bedarf wurden diese Transporte bis zwei- und dreimal an einem Tage wiederholt.
Zu den Bankiergeschäften gesellte sich in diesen Tagen für die Firma auch noch
eine umfangreiche Kommissionstätigkeit, die jedoch nicht wie früher seitens der Käufer,
sondern seitens der Verkäufer in Anspruch genommen wurde. Viele Produzenten
zogen es nämlich späterhin vor, die Wollen dem Eichbornschen Magazine direkt zum
Verkauf zuzuschicken und persönlich dem Markte fernzubleiben. Schließlich ttat die
Firma aber auch noch als Spediteur in Wirksamkeit. Denn vor der Erbauung der
Eisenbahnen mußte natürlich die Wolle von den Verkäufern per Fuhre nach Breslau
geschafft werden und, soweit nicht der Wasserweg benutzbar war, auf eben diese Weise
wieder die Versendung an die Käufer erfolgen. Die Stadt bot mithin nach allen
Richtungen ein Bild des regsten Lebens und der angestrengtesten Tätigkeit.
Vom Tagesgrauen an — besagen uns die Mitteilungen eines Augenzeugen —
kamen von allen Seiten in endlosen Reihen die Fuhrwerke vom Lande mit den in
oft unförmlich langen runden Züchen oder auch in Kastenform verpackten Wollen, und
es erforderte die größte Mühe, diese zahllosen, meist von unbeholfenen Menschen ge
leiteten Fahrzeuge in den engen Sttaßen der Stadt so zu dirigieren, daß jedes seinem
Bestimmungsort auf kürzestem Wege zugeführt wurde und der Verkehr nicht völlig
ins Stocken geriet. Waren die Wagen glücklich am richtigen Platze angelangt, so
wurden die Wollen von Tausenden von Arbeitern abgeladen und aufgestapelt, während
die Frauen und Kinder derselben ohne Lande! und Bezahlung möglichst viel von
dem Stroh, in welches die Wollen eingepackt waren, zu erraffen suchten. Diese letzteren
selbst wurden in mitgebrachten eigenen Zelten, die auf dem Ringe und Blücherplatz
in Reih und Glied aufgestellt wurden oder in den Lausfluren und Lösen der Gebäude
an diesen Plätzen, wo man sie mit Ausnützung jedes Raumes, so gut es ging, unter
brachte, oder auch in größeren Magazinen, zu deren bedeutendsten das Eichbornsche
auf der Wallstraße gehörte, zum Verkauf ausgestellt. An den Zelten und Läusern
waren Tafeln mit den Namen der darin lagernden Wollen (nach Dominium und
Kreis) angebracht.
Die Gutsbesitzer kamen, soweit es ihre Verhältnisse gestatteten, selbst, vornehme
wie geringe, mit ihren Frauen, Söhnen und Töchtern mit eigenem Geschirr zum
Wollmartt, dessen Besuch ihnen ein Fest war, nach Breslau gefahren und saßen
stundenlang, Lerren wie Damen, bei mitgebrachtem oder schnell beschafftem Imbiß
auf den Wollsäcken, sich gegenseitig besuchend und der Käufer gewärtig. Diesen war,
da die Wollen möglichst alljährlich dieselben Lagerplätze innehatten, das Auffinden der