224 VII Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts
hansischen Hafen den Zoll bezahlt hatten. Die bisherige Gesamtbenutzung
dieses Schatzes durch die Forschung ist unzulänglich, wie neuerdings auch
der schwedische Forscher Curt Weibull festgestellt hat. Um seinen Wert ganz
zu erschließen, müßte seine Veröffentlichung in Form einer kritischen Ver-
arbeitung vorausgehen. Immerhin habe ich für meine Zwecke das ganze
Jahr 1368 durchgearbeitet.
Da tritt zunächst mit überraschender Deutlichkeit die große Bedeutung
hervor, die damals der Wasserweg Oldesloe—Lübeck, also die Fahrt auf der
Obertrave, für den Gesamtverkehr Nordeuropas gehabt hat. Auf ein Einzel-
beispiel möchte ich zunächst hinweisen, um ein Bild jener Werte zu geben,
die auf den bescheidenen Traveschiffen verfrachtet wurden. Ein einziger
Travekahn brachte 1368 von Oldesloe nach Lübeck eine Ladung im Werte
von 5107 % 1. Um sich einen ungefähren Begriff von dem heutigen Wert
zu machen, bitte ich alle jetzt vorkommenden Zahlen der Einfachheit
halber mit 502?) zu multiplizieren. Wir hätten also den Wert dieser Ladung,
an der 12 Befrachter beteiligt waren, mit reichlich einer viertel Million in
Anschlag zu bringen. Zuverlässiger und aufschlußreicher ist allerdings ein
Vergleich mit Zahlen aus derselben Zeit. Da kommt vor allem der Wert von
Ladungen der Seeschiffe in Betracht. Den rund 5000 4 1. des Ladungswertes
jenes Oldesloer Travekahnes gegenüber ist nach den gleichzeitigen Angaben
des Lübecker, Revaler und Hamburger Zollbuches festzustellen, daß die
Ladung bei weitem der meisten Seeschiffe unter 1000 % 1. zurückblieb. Vor
allem dann — und das war die Mehrzahl der Fälle — wenn das Schiff billiges
Massengut, in Lübeck vor allem Lüneburger Salz, führte. War ein größeres
Seeschiff mit Stückgut beladen, so stieg in einzelnen Fällen der Wert der
Ladung allerdings beträchtlich: der größte Wert der Ladung eines den
Hamburger Hafen 1369 verlassenden Schiffes betrug 8946 4% I. 1368 lief im
Lübecker Hafen ein Schiff aus Reval ein, dessen Ladung immerhin einen Wert
von rund 10800 % 1. hatte, in die sich 47 Befrachter teilten. Solche Zahlen
waren für die Seeschiffe Ausnahmen. Schon wegen des Risikos verteilte man
die wertvollsten, aber wenig Raum einnehmenden Waren auf mehrere Schiffe,
die in der Hauptsache billiges Massengut führten. Auf der Trave fielen
Bedenken solcher Art fort, und deshalb finden sich hier Kähne, die ganz mit
hochwertigem Gute beladen waren, und das war auf der Strecke Oldesloe
Richtung Lübeck vor allem flandrisches Tuch. Ein solcher, nur mit Tuch
beladener Kahn, ist auch jener zuerst erwähnte Travekahn mit seinem
Ladungswert von 5107 & 1.
Die Travefahrt von und nach Oldesloe hatte in der damaligen Zeit eben
deshalb eine solche Bedeutung, weil sich auf ihr ein großer, vermutlich der
größte Teil des Warenverkehrs von der Ostsee zur Nordsee und umgekehrt
zusammendrängte. So wird es verständlich, warum Lübeck durch die Jahr-
hunderte hindurch eifersüchtig über seine landesherrlichen Rechte auf der