und sucht endlich freiwillig ein Schicksal bitterer als das, dem er vor
Jahren vom Hohenasperg entrann.
Und heute? Ich sehe in diesem kleinen Kreise mehrere Staatssekre-
täre und Ministerialdirektoren von verschiedenen Ministerien des Reichs
und Preußens. Reichswirtschaftsministerium, Reichsernährungsministerium,
Reichsministerium des Innern, Auswärtiges Amt sind vertreten und meh-
rere Minister a. D. sind hier, der Kommissar des Reichs für wirtschaft-
liche Verwaltungsfragen führt den Vorsitz, und in der Aula der stolze-
sten deutschen Universität hörten wir einen illustren Gast zu Ehren Lists
sprechen.
Als Regierungsfunktionär kann man da nur still in seiner Brust wün-
schen, daß wir heute nicht wieder Menschen und Vorkämpfer vom Schlage
Lists einen so bitteren Lebensweg gehen lassen.
Aber ich will Sie mit so melancholischen Gedanken nicht weiter auf-
halten. Lassen Sie mich nur dem Ausdruck geben, was ich hier, auch ohne
Verabredung sicher zugleich im Namen meiner Kollegen von den Reichs-
ministerien, sagen kann. Wir danken Herrn Prof. Notz aufs herzlichste
für den tiefen und aufschlußreichen Vortrag, den er uns über Lists Leben
und Wirken in Amerika geboten hat, und für den Dienst, den er damit
dem Andenken Friedrich Lists und seinem Vaterlande getan hat. Wir
begrüßen die Friedrich List-Gesellschaft bei ihrer Gründung und ihrer
ersten gelungenen Veranstaltung und wünschen ihr Glück für ihre fer-
nere Arbeit.
4. Rede des Ministerialrats Dr. v. Rottenburg
vom Preuß. Kultusministerium., Berlin:
Meine Damen und Herren!
Der Herr preuß., Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung
hat mir den ehrenvollen Auftrag zuteil werden lassen, der Friedrich List-
Gesellschaft seine herzlichsten Grüße und Glückwünsche zu übermitteln
und ihr für die Durchführung der Aufgabe, die sie sich gesetzt hat, vollen
Erfolg zu wünschen. Diese Aufgabe, die Herausgabe der Werke Lists, die
Verbreitung der Kenntnis seiner Lehre, ist primär eine wissenschaftliche
und, man kann sogar sagen, eine volkspädagogische; es ist darum selbst-
verständlich, daß die preußische Unterrichtsverwaltung der Gesellschaft
das allerlebhafteste Interesse entgegenbringt.
Meine Damen und Herren! Wie gut könnten wir auch in unserer Zeit
einen solchen Feuerkopf gebrauchen, der, wie einst List den deutschen
Zollverein und die Schaffung eines Eisenbahnnetzes, so heute vielleicht
den europäischen Zollverein und den Ausbau des Luftverkehrs sich zur
Aufgabe setzen würde. Leider scheint es ein Gesetz zu sein, daß gerade
bahnbrechende Männer, geniale Entdecker von Neuland als Außenseiter
ihren Weg machen müssen. Das war so, und kann auch wieder so kom-
men, aber in dieser Hinsicht sollte Friedrich List für uns eine Warnung
und eine Mahnung bedeuten. Wir können die Vergangenheit nicht än-
dern, wir können nur versuchen, an dem Andenken Fr. Lists einiger-
maßen gutzumachen, was unsere „Kollegen“ von damals versäumt haben.
Und wir können noch etwas tun, was sicher weit mehr im Sinne Lists
liegt: seine Lehre in uns aufnehmen und würdigen und sie dem gesamten
Volke näherzubringen suchen. Ich glaube, diese Lehre ist gerade für un-
sere Zeit von besonderer Bedeutung, die wie die seinige durch Krisen
hindurch neue wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten sucht. Darum,
meine Damen und Herren, wünsche ich der Friedrich List-Gesellschaft
für ihre Arbeit weitestes Wirkungsfeld und reichsten Erfole.
F