Object: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

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Der Skepticismus. — Montaigne. 
betrachtung, die ihr zu Grunde liegt. Das Problem des Todes 
steht im Mittelpunkt der ethischen Betrachtungen der Essais: 
‚Philosophieren“ heisst auch ihnen — wie in einem bekannten 
Kapitel ausgeführt wird — „Sterben lernen“. Aber nicht um den 
Ausblick in ein jenseitiges Sein, in dem das empirische Leben 
erst seinen Sinn und seine Vollendung erhielte, handelt es sich. 
Unser Dasein hat in sich selber sein eigenes Gesetz und seinen 
Schwerpunkt gefunden. Jede Ansicht, die den Wert des Lebens 
herabsetzt, ist lächerlich: denn immer bleibt es unser Sein, 
unser Alles. „C’est contre nature que nous nous mesprisons et 
mettons nous mesmes ä nonchaloir; c’est une maladie particu- 
liere et qui ne se veoid en aulcune autre creature, de se hair et 
lesdaigner“ (II, 3), Der Moment des Todes ist nicht als ein Ueber- 
3ang zu einer neuen metaphysischen Ordnung der Dinge zu denken, 
sondern als ein notwendiges Glied der immanenten Naturgesetz- 
lichkeit, die zu verstehen und anzuerkennen die letzte Aufgabe 
aller Philosophie ist. „Verlasse diese Welt -— so spricht Allmutter 
Natur zu uns — wie Du in sie eingetreten bist. Denselben Schritt, 
den Du vom Tode zum Leben ohne Leiden und Furcht getan, tue 
ihn vom Leben zum Tode zurück. Dein Tod ist ein Glied des Uni- 
versums, ein Glied im Leben des Alls.. . Soll ich für Dich diese har- 
monische Verkeitung der Dinge aufheben? Er ist eine Bedingung 
Deiner Erschaffung, ein Teil Deiner selbst, Du fliehst in ihm nur 
Dich selber“ (I, 19). Erst wenn er in diesem Sinne erfasst wird, ist 
der Gedanke des Todes keine Hemmung und Verkümmerung der 
Energie des Daseins mehr, sondern wird zur Anweisung, das Ziel 
and die Richtschnur des Lebens in diesem selber und in seiner Re- 
zelung und Ordnung zu suchen (II, 12). In der extensiven Begren- 
zung des Daseins ist uns zugleich eine intensive Erhöhung und 
Steigerung seines Gehalts gegeben. Denn die Art und der Wert 
des Lebens ist von seiner Dauer unabhängig. „Das Leben ist an 
sich selbst weder ein Gut, noch ein Uebel: es ist der Sitz der Güter 
und Uebel, je nachdem Du selber es dazu machst. Wenn Du einen 
Tag gelebt hast, so hast Du alles gesehen: ein Tag wiegt alle an- 
dern Tage auf. Es gibt kein anderes Licht und keine andere 
Nacht; dieselbe Sonne, derselbe Mond, dieselbe Ordnung der Ge- 
stirne ist es, an der Deine Voreltern sich erfreut haben und. die 
Deine späten Enkel umfangen wird, Die wechselvolle Gliederung
	        
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