Full text : Die wirtschaftlichen und politischen Motive für die Abschaffung des britischen Sklavenhandels im Jahre 1806/07

Zweiter  Abschnitt.
Die  Kriegszeit  von  1793—1802.
Erster  Teil.
Glänzender  Aufschwung  des  britischen,  Niedergang  des
ausländischen  Kolonialhandels.
Niemand  konnte  damals  ahnen,  wie  nahe  ein  Ausweg  aus
den  Schwierigkeiten,  welche  die  Abolition  bot,  bevorstand.
Der  1793  ausbrechende  Krieg  zwischen  England  und  Frankreich, ­
  dessen  erbittertste  Kämpfe  sich  in  Westindien  abspielten,
gab  die  Gelegenheit  dazu.  Er  hat  die  verwickelte  Abolitionsfrage, ­
  die  auf  friedliche  Weise  wohl  noch  lange  nicht  gelöst
worden  wäre,  durch  Gewalt  entschieden.  Freilich  nicht  ohne
weiteres.  Erst  das  mittlere  Drittel  dieses  22jährigen  Krieges
brachte  die  Entscheidung,  während  anfangs  der  Sklavenhandel
zum  letztenmal  einen  grofsen  Aufschwung  nahm,  und  es  den
Anschein  hatte,  als  sollte  die  Abolition  für  immer  nur  ein
frommer  Wunsch  bleiben.
Diesen  letztmaligen  Aufschwung  seines  Sklavenhandels  von
1795—1802  hatte  England  dem  allgemeinen  Aufblühen  seines
Kolonialhandels  und  letzteres  wieder  seinen  glänzenden  militärischen ­
  Erfolgen  zur  See  zu  verdanken.  Wohl  nirgends
besser  als  hier  läfst  sich  der  durchgehende  Parallelismus  des
Neger-  und  des  allgemeinen  westindischen  Kolonialhandels
zeigen.  Beide  stiegen  und  fielen  miteinander.  Vielleicht  niemals ­
  hätte  Großbritannien  mit  der  Abolition  Ernst  gemacht,
wenn  es  ihm  gelungen  wäre,  das  von  1795—1799  vorübergehend ­
  zurückgewonnene  Kolonialhandelsmonopol  dauernd  zu
behaupten.  —
Dafs  der  gewaltige  Entscheidungskampf  zwischen  England ­
  und  Frankreich  in  wirtschaftlichen  Gegensätzen  eine  starke,
vielleicht  die  stärkste  Wurzel  gehabt  hat,  dürfte  heute  nicht
mehr  bestritten  werden.  Nicht  die  Entrüstung  über  die  „unmoralische“ ­
  Revolution,  auch  nicht  die  Absicht,  das  entthronte
französische  Königtum  wieder  einzusetzen,  trieben  England  in
den  Krieg,  sondern  in  Wahrheit  die  Furcht,  seinen  Welthandel
zu  verlieren,  der  durch  die  Unabhängigkeit  Nordamerikas  seinen
tödlichen  Schlag  bekommen  hatte  (Kiefselbach,  S.  48  ff.).  Die
französische  Revolution  bedeutete  vom  wirtschaftlichen  Standpunkt ­
  aus  den  Sieg  des  mobilen  Kapitals  über  das  immobile,
d.  h.  den  Sieg  der  Interessen  des  Gewerbe-  und  Kaufmannsstandes ­
  über  den  feudalen  Grundadel  und  die  Geistlichkeit
(Kiefselbach,  S.  45).  Frankreich  hatte  1789  die  Grenzen  eines
vorwiegenden  Agrarstaates  überschritten  und  war,  wie  England, ­
  in  die  Bahnen  eines  Welthandelsstaates  eingetreten.  Dieser
            
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