Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

klassischen  Ökonomik  begonnen.  Wir  beginnen  daher  ebenfalls  mit
einer  Darlegung  ihrer  kritischen  Ideen  1 ).
Obgleich  die  kritischen  Ideen  der  historischen  Schule  schon  von
Knies,  Hildebeand  und  Eoschee  formuliert  -worden  sind,  haben  sie
doch  eine  eingehendere  Diskussion  erst  ziemlich  spät  her  vorgerufen,,
als  die  „junge  historische  Schule“  schon  in  voller  Blüte  stand.  Das
Buch  des  Wiener  Professors  Kael  Mengee  (1883),  das  durch  seinen
Stil  wie  auch  durch  den  Scharfsinn  der  darin  entwickelten  Gedanken
wirklich  klassisch  ist  und  den  Titel:  „Untersuchungen  über
die  Methode  der  Sozialwissenschaften“  trägt 2  3  *  *  *  * ),  eröffnet
die  Ära  zuweilen  sehr  scharfer  Meinungskämpfe.  Dieses  bemerkenswerte ­
  Werk,  in  dem  der  Verfasser  die  Berechtigung  der  reinen
Ökonomik  gegen  die  Angriffe  der  deutschen  historischen  Schule  verteidigt, ­
  wurde  von  einigen  Vertretern  dieser  Schule 8 )  mit  einer  gewissen ­
  Verärgerung  aufgenommen,  und  führte  während  der  folgenden
Jahre  zu  einer  Art  allgemeiner  Gewissensprüfung.  Es  ist  daher
nötig,  hier  die  wichtigsten  Punkte  der  Diskussion  auszuführen  und  den
Argumenten  der  historischen  Schule  die  Erwiderungen  ihrer  Gegner
gegenüberzustellen.
Die  historische  Schule  machte  der  klassischen  Nationalökonomie
drei  große  Vorwürfe;  1.  ihren  „Universalismus“;  2.  ihre  rudimentäre
Psychologie,  die  sich  auf  den  Egoismus  gründete;  3.  den  Mißbrauch,,
den  sie  mit  der  deduktiven  Methode  treibt.
Betrachten  wir  diese  Vorwürfe  nacheinander:

*)  In  dem  kritischen  Werke  der  deutschen  historischen  Schule  gibt  es  einen
Teil,  mit  dem  wir  uns  hier  nicht  zu  beschäftigen  haben:  ihre  Kritik  des  laisserfaire.
  Zwar  haben  einige  ihrer  Anhänger,  wie  Hxldbbrand,  Nachdruck  auf  den
ethischen  Gesichtspunkt  in  der  Nationalökonomie  gelegt,  —  und  keiner  von
ihnen  teilt  den  Optimismus  eines  Smith  oder  Bastiat.  Ihre  Idee  des  Relativismushat
  sogar  dazu  beigetragen,  ihn  zu  zerstören.  Aber  die  bedeutendsten  unter  ihnen,.
Roscher  und  Hildebrand  selbst,  bleiben  überzeugte  Jünger  des  liberalen  Systems
(siehe  z.  B.  das  Glaubensbekenntnis  Hii.debrand’s  am  Anfang  des  ersten  Bandes  der
Jahrbücher  für  Nationalökonomie,  1863,  Bd.  I,  8.  3).  Wenn  mehrere  von
ihnen  (Brentano,  Schmoller)  sich  mehr  oder  weniger  der  grollen  Gedankenströmung
angeschlossen  haben,  ans  der  gegen  das  Jahr  1872  der  Staatssozialismns  entstand
(siebe  weiter  unten),  so  haben  sie  das  in  sehr  verschiedenem  Maße  getan.  Niemals
haben  sie  diesen  Teil  ihres  Werkes  als  die  Hauptsache  betrachtet.  Sie  haben  hier
keine  selbständigen  Gedanken  hervorgebracht,  und  ihre  Bedeutung  in  der  Geschichte
der  Doktrinen  liegt  in  ihrer  persönlichen  Auffassung  der  wissenschaftlichen  Methode.
2 )  Untersuchungen  über  die  Methode  der  Sozialwissenschaften,
Leipzig  1883,  291  Seiten.
3 )  Vgl.  die  Besprechung  des  Buches  von  Mensbe,  die  Schmoller  in  seiner  Zeitschrift, ­
  Jahrbuch  für  Gesetz  ge  bun  g,  Volkswirtschaft  und  Statistik,
im  Jahre  1884  veröffentlicht  hat.  Diese  Besprechung  ist  in  etwas  milderer  Form  in
dem  Werk  desselben  Schriftstellers:  Zur  Literaturges  chichte  der  Staatsund
  Sozialwissenschaften  (1888)  abgedruckt.
            
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