Full text : Geschichte der volkswirtschaftlichen Lehrmeinungen

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Viertes  Buch.  Die  Abtrünnigen.

stellen  sich  nicht  anders,  denn  als  eine  geschichtliche  Explikation
und  fortschreitende  Manifestation  der  Wahrheit  dar,  auf  jeder  Stufe
stehen  sie  als  die  Verallgemeinerung  der  bis  zu  einem  bestimmten
Punkte  der  Entwicklung  erkannten  Wahrheiten  da,  und  weder  der
Summe  noch  der  Formulierung  nach  können  sie  für  unbedingt  abgeschlossen ­
  erklärt  werden“  ’).
Diese  Stelle,  die  übrigens  ziemlich  dunkeD  und  verworren,  .wie
die  Sprache  Knies’  im  allgemeinen,  ist,  drückt  einen  wahren  Gedanken ­
  aus,  den  andere  Volks  Wirtschaftler  schon  in  klarerer  Weise
formuliert  haben,  wenn  sie  sagen,  daß  die  wirtschaftlichen  Gesetze
nur  vorläufig  und  bedingungsweise  Geltung  haben.  Vorläufig  in
dem  Sinne,  daß  das  geschichtliche  Leben,  indem  es  neue  Tatsachen
zur  Oberfläche  bringt,  denen  die  bestehenden  Theorien  nicht  genügend
Rechnung  tragen,  die  Volkswirtschaftler  ohne  Unterlaß  dazu  zwingt,
die  Formeln,  mit  denen  sie  sich  bis  dahin  begnügten,  zu  ändern.
Bedingungsweise  in  dem  Sinne,  daß  die  wirtschaftlichen  Gesetze
in  der  Wirklichkeit  nur  bestätigt  werden,  wenn  andere  Umstände
nicht  ihre  Wirkung  behindern;  so  daß  die  Geschichte,  indem  sie  diese
tfmstände  modifiziert,  die  Wirkungen,  die  mau  sich  gewmhnt  hatte,  auf
gewisse  Ursachen  folgen  zu  sehen,  vorübergehend  zum  Verschwunden
bringen  oder  verschleiern  kann.  Vielleicht  war  es  nicht  unnötig,
hierauf  hinzmveisen,  wenigstens  den  Volkswirtschaftlern  gegenüber,  die
ihre  Theorien  als  eine  Art  endgültiger  Offenbarung  hinstellten  und
glaubten,  absolut  sichere  Voraussagen  auf  sie  gründen  zu  können.
Knies  übertreibt  jedoch  bedeutend,  wenn  er  der  Meinung  ist,  die
Relativität  der  so  definierten  wirtschaftlichen  Gesetze  unterscheide  sie
durchaus  von  anderen  wissenschaftlichen  Gesetzen.  Die  physikalischen
find  chemischen  Gesetze  verändern  sich  ebenso,  worauf  schon  Marshall
sehr  richtig  hingewiesen  hat,  je  nachdem  neue  Tatsachen  alte  Formeln
hinfällig  machen.  Auch  sie  sind  daher  nur  vorläufig.  Sie  unterliegen
ebenso  Bedingungen  in  dem  Sinne,  daß  sie  sich  nur  dann  als  wahr
ergeben,  wenn  keine  störenden  Ursachen  vorhanden  sind,  die  geeignet
wären,  die  Bedingungen  des  Versuchs  zu  verändern.  Für  die  modernen

b  Knies,  op.  cit.,  S.  24,  25.  Ashley  hat  diesen  doppelten  Gedanken  in
klareren  Worten  ausgedrückt:  „Die  Nationalökonomie  ist  nicht  ein  Ganzes  von  absolut
wahren  Lehren,  die  der  Welt  am  Ende  des  letzten  und  am  Anfang  dieses  Jahrhunderts ­
  offenbart  worden  sind,  sondern  sie  setzt  sich  aus  einer  gewissen  Anzahl
von  Theorien  und  Verallgemeinerungen  zusammen,  deren  Wert  mehr  oder  weniger
groß  ist  .  .  .  Die  modernen  volkswirtschaftlichen  Theorien  sind  nicht  universell  wahr.
Sie  sind  weder  für  die  Vergangenheit  wahr,  als  die  Bedingungen  nicht  bestanden,
die  zu  ihrem  Zustandekommen  nötig  gewesen  wären,  noch  auch  für  die  Zukunft,,
wenn  die  Lebensbedingungen  sich  verändert  haben  werden,  ausgenommen  die  Gesellschaft ­
  bleibt  stationär.“  (Histoire  et  doctrines  economiques  de  l’Angleterre,
  Vorwort,  franz.  Übers.  S.  2,  3.)
            
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