Object : Der Weltverkehr und seine Mittel

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Posten  und  Postwejen.

Grade  gesichert  ist,  als  bei  postseitiger  Besorgung  der  Briefe.  Die  englische  Postverwaltung
hat  jedoch  geglaubt,  dieses  Zugeständnis  dem  Publikum  machen  zu  sollen,  weil  sie  aus
übergroßer  Sparsamkeit  nur  sehr  wenige  Eisenbahnzüge  zu  Posttransporten  benutzt  und
sich  wegen  des  Kostenpunktes  beharrlich  dagegen  sträubt,  die  Zahl  der  Postvcrbindungeu
namentlich  aus  den  Eisenbahnen  in  angemessener  Weise  zu  vermehren.  Angesichts  eines
Reinertrages  von  75  Millionen  Mark,  den  die  Posten  und  Telegraphen  in  England  1898
geliefert  haben,  ist  ein  solches  Verhalte»  nicht  zu  billigen.  Überhaupt  muß  hier  bemerkt
werden,  daß  das  hohe  Ansehen,  welches  das  britische  Postwesen  in  den  Augen  des
Publikums  diesseits  des  Kanals  im  allgemeinen  genießt,  durchaus  nicht  begründet  ist.
Wenn  man  von  dem  ungeheuren  Umfange  des  Postverkehrs  in  England  hört,  ist  mau
geneigt,  zu  glauben,  derselbe  werde  durch  entgegenkommende  Einrichtungen  der  Postbehörde
  wesentlich  gefördert.  Das  ist  jedoch  ein  Irrtum.  Fast  in  keinem  Lande  Europas
ist  man  mit  Verbesserungen  auf  dem  Gebiete  des  Postwesens  so  zurückhaltend  wie  in
England,  obgleich  zu  solchen  dort  die  dringendste  Veranlassung  vorliegt.  Erstaunen  muß
mau,  wenn  man  liest,  daß  von  der  Hauptstadt  nach  den  bedeutendsten  Handelsplätzen  des
vereinigten  Königreichs  durchschnittlich  nur  zwei  tägliche  Postverbindungen  bestehen  und
daß  die  Briefbestellung  nach  Landorten  noch  im  Jahre  1896  so  mangelhaft  war,  daß
etwa  16  Millionen  nach  solchen  Orten  gerichtete  Briefe  nicht  au  die  Adressaten  bestellt,
sondern  bei  den  Postanstalten  oder  bei  besonderen  Niederlagsstellen  in  den  Landbezirken
zur  Abholung  bereit  gehalten  wurden.  Im  deutschen  Reichspostgebiete  zählt  man  dagegen
zwischen  bedeutenden  Verkehrsarten  oft  zehn  und  mehr  Pvstverbindungen  täglich,  und  es
existiert  in  diesem  Gebiete  kein  Ort  und  kein  Gehöft,  nach  denen  die  Postsendungen  nicht
mindestens  einmal  täglich  (mit  Ausnahme  des  Sonntags)  abgetragen  werden.  Neuerdings
scheint  man  die  weitere  Ausgestaltung  des  Landpostdienstes  in  England  etwas  energischer
zu  betreiben.  In  diesem  Lande  wird  die  Post  als  sehr  ergiebige  Erwerbsquelle  für  den
Staat  betrachtet,  worauf  denn  auch  die  möglichste  Beschränkung  der  Ausgaben  für  postalische
Einrichtungen  dort  zurückzuführen  ist.
Das  Londoner  Hauptpostamt,  in  Martins-le-Grand  gelegen,  hat  für  den
Weltverkehr  seit  Einführung  der  von  Rowland  Hill  angeregten  Reformen  durch  die  Großartigkeit ­
  seines  Betriebes  die  bei  weitem  hervorragendste  Bedeutung  gewonnen.
Wenn  es  auch  schwer  fällt,  einen  Blick  in  das  Allerheiligste  dieses  ersten  Berkehrsinstituts
  seiner  Art  zu  werfen,  so  verlohnt  es  sich  doch  schon  der  Mühe,  besonders  au
einem  Freitagabend,  wo  die  Mehrzahl  der  in  London  erscheinenden  Wochenblätter  für  das
Inland  aufgegeben  wird,  einen  Gang  nach  jenem  Gebäude  zu  machen.
Den  ganzen  Tag  hindurch  bietet  die  eine  Seite  der  großen  Halle  ein  sehr  bewegtes
Bild;  die  geöffneten  Briefkasten,  bestimmt  zur  Aufnahme  der  nach  allen  Weltteilen  abgehenden ­
  Briefschaften,  sind  beständig  von  Menschen  umlagert.  Aber  auch  die  großen,
während  des  Tages  geschlossenen  Fenster  werden  weit  aufgethau,  sobald  die  Schlußzeit
für  die  Abendposten'  herannaht,  welche  für  Zeitungen  und  sonstige  Drucksachen  auf
51/2  Uhr,  für  Briefe  auf  6  Uhr  festgesetzt  ist.  Dann  drängt  sich  eine  hitzige  Menge  in
die  Halle,  und  Briefe  und  Zeitungen  beginnen  förmlich  in  einem  litterarischen  Hagelschauer ­
  herabzufallen.  Je  näher  die  Schlußzeit  heranrückt,  desto  sichtlicher  wächst  der
Aufruhr,  denn  man  ist  sich  der  beängstigenden  Wahrheit  bewußt,  daß  die  Postbeamten
niemals  auch  nur  eine  Minute  zugeben,  und  daß  alles  vorüber  sein  muß,  sobald  der  letzte
Schlag  der  Uhr  ertönt.  In  ähnlicher  Weise  vermehrt  sich  das  Gedränge  um  die  Briefkasten, ­
  in  welche  allein  in  der  letzten  Viertelstunde  vor  der  Schlußzeit  weit  über
20  000  Sendungen  geworfen  werden.  Zwar  werden  auch  nach  6  Uhr  bis  7 x / 2  Uhr
abends  noch  Briefe  zur  Beförderung  mit  den  an  demselben  Abende  abgehenden  Posten
angenommen,  dieselben  unlerliegen  jedoch  einem  Portozuschlage  von  l  bis  2  Pence.
Das  Postamt  hat,  gleich  einem  gewaltigen  Ungetüm,  eine  ungeheure  Mahlzeit  verschluckt
und  sich  zum  Übermaß  gesättigt  —  jetzt  muß  der  Verdauungsprozeß  beginnen.  In  weiten,
hell  erleuchteten  Räumen  bewegen  sich  Hunderte  hin  und  her,  welche  gewaltige  Haufen
von  Briefen  und  noch  gewaltigere  Haufen  von  Zeitungen  packen,  stempeln  und  sortieren.
            
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