100 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc..Demokratie.
„Nationalökonomie, wer nicht da begreift, daß der Staat und
„die Gesellschaft höhere Pflichten haben, als dein Kapital den
»Weg zu freien, Schalten und Walten zu öffnen, wen da
„das nlenschliche Mitgefühl nicht zum Socialismus führt, der
»muß einen Kieselstein im Busen tragen." Ergo, die Noth
stände werden in frevelhafter Uebertreibung ausgebeutet, um
Propaganda für den Socialismus zu machen.
In gleicher Weise werden von der socialistischen Vokal-
presse die Nothstände traktirt. Die „Süddeutsche Botts-
Zeitung" bespricht (1875, 2) „die Kindersterblichkeit in
Württemberg resp. in Stuttgart" auf Grund einer Schrift
des praktischen Arztes Dr. Burkart „die Sterblichkeitsver
hältnisse Stuttgarts im neunzehnten Jahrhundert." Es ist
Thatsache, daß Württemberg den traurigen Ruhm hat, die
größte Kindersterblichkeit in Europa zu haben. In einzelnen
Bezirken, z. B. am südlichen Albabhang stirbt die
Hälfte der Neugeborenen im ersten Lebensjahr, in den übri
gen Bezirken ein Drittel mit Ausnahme von Hohenlohe,
welches mit ein Viertel der Kindersterblichkeit am Besten
situirt ist. Mit Hinzurechnung der Todtgeborenen erreicht
die Kindersterblichkeit im ersten Lebensjahr in Stuttgart die
Höhe von 19,7 Procent. Es ist gewiß der Mühe werth,
den Ursachen einer solchen Abnormität nachzuforschen. Dr.
à-kart thut dies in sachgemäßer tendenziöser Weise. Er
übersieht nicht die socialen Verhältnisse, und weist aus die
ungünstigen Lebcnsverhältttissc der Frauen als mitwirkend
Ursache hin, welche den Frauen es unmöglich niachen, wäh
rend der Schwangerschaft sich die nöthige Pflege und Ruhe
zu verschaffen und auch den neugeborenen Kindern die nöthige
Pflege angedeihen zu lassen. Das Auge des Arztes sicht
aber weiter. Es entdeckt noch andere Ursachen, die nicht
den socialen Verhältnissen entspringen. Aber mag auch der