Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

5.  Die  Kartelle.

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der  Kartellbildung  verfolgten  Zwecke  auch  wirklich  zu  erreichen.  Auch  hier  gilt  also
der  Sah,  daß  die  Natur  keine  Sprünge  macht.  Es  ist  in  dieser  Beziehung  sehr
lehrreich,  die  Schilderung  der  Entstehung  und  des  Werdegangs  einer  Reihe  deutscher
Kartelle  zu  lesen,  die  wir  dem  Verein  für  Sozialpolitik  verdanken.  Da  zeigt  sich
deutlich,  wie  die  Kartellbewegung  mit  innerer  Notwendigkeit  dem  Ziele  zustrebt,
Organisationen  zu  finden,  bei  denen  dem  Erbfeind  des  individuellen  Selbstintereffes
jeder  Schlupfwinkel  verbaut  wird,  bei  denen  die  Interessen  der  Einzelunternehmungen,
aus  denen  das  Kartell  besteht,  soweit  als  es  irgend  geht,  in  dem  Interesse  des  Gesamtunternehmens ­
  aufgegangen  sind,  so  daß  Jnteressenkonflikte  zwischen  dem  Ganzen  und
seinen  Teilen  möglichst  ausgeschlossen  sind.  Das  rheinisch-westfälische  Kohlensyndikat
z.  B.  steht  gerade  jetzt  im  Begriff,  bei  seiner  Erneuerung  einen  weiteren  wichtigen
Schritt  nach  dieser  Richtung  zu  tun,  indem  es  seinen  Mitgliedern  das  Recht  nimmt,
nach  eigenem  Ermessen  mit  der  Erweiterung  ihrer  Produktionsanlagen  vorzugehen.
So  erweitert  das  Kartell  seinen  Wirkungskreis  auf  Kosten  der  Einzelunternehmer  und
beschränkt  die  letzteren  immer  mehr  in  ihrer  Selbständigkeit.  Schon  längst,  ehe  der
sozialistische  Zukunftsstaat  daran  denken  kann,  sie  zu  expropriieren,  müssen  es  die  Unternehmer ­
  erleben,  wie  das  Kartell  sie  bei  Aufrechterhaltung  der  heutigen  Wirschaftsordnung ­
  aus  den  wichügsten  der  volkswirtschaftlichen  Funktionen,  die  ihnen  anfänglich
zu  selbständiger  Besorgung  überlassen  waren,  entsetzt  und  verdrängt  und  sie  oft  nur
noch  als  technische  Betriebsleiter  beläßt  oder  als  eine  Art  von  Kartellbcamten  beschäftigt.
Insofern  läßt  sich  ein  gewisser  sozialistischer  Zug  bei  den  Kartellen  nicht  leugnen  und
nicht  unrichtig  hat  sie  ein  amerikanischer  Präsident  einmal  als  den  Sozialismus  der
Besitzenden  bezeichnet.  Sie  sind  sozialistische  Organisationen  zu  nichtsozialistischen
Zwecken.  Bei  vielen  Kartellen  werden  den  Verbandsorganen  so  weitgehende  Rechte
gegenüber  den  Mitgliedern  eingeräumt,  daß  man  von  einem  freien  Unternehmertum
kaum  noch  sprechen  kann.  Wollte  etwa  der  Staat  derartig  weitgehende  Rechte  für
sich  in  Anspruch  nehmen,  so  würden  wohl  die  Klagen  der  Industriellen  über  das
Eindringen  des  Staates  in  ihre  privaten  Verhältnisse,  über  unerträgliche  Beschränkung
der  persönlichen  Freiheit  und  polizeiliche  Reglementiererei  kein  Ende  nehmen.  Auch
ist  der  Terrorismus  der  Kartelle  der  Unternehmer  oft  nicht  geringer  als  der  der
Arbeitergewerkvcreine,  um  widerstrebende  Elemente  zum  Anschluß  und  Beitritt  zu  zwingen.
Uber  den  harten  Zwang  und  die  strenge  Disziplin  der  Kartelle  vermag  die  Unternehmer ­
  indessen  ein  wichtiger  Umstand  zu  trösten.  Es  kann  keinem  Zweifel  unterliegen,
daß  die  meisten  der  Industriezweige,  die  sich  eine  einigermaßen  straffe  Kartellorganisation
gegeben  haben,  dadurch  ihre  wirtschaftliche  Lage  erheblich  gebessert  haben.  Insofern  hat
die  Umwandlung  „der  Privatwirtschaft  der  getrennten  Einzelbetriebe  in  die  Privatwirtschaft ­
  der  vereinigten  Einzelbetriebe"  ihren  Zweck  erreicht.  Die  Lage  der  kartellierten
Industrien  ist  gleichmäßiger  geworden  und  ihre  Durchschnittserträgnisse  sind  gestiegen.
Allein  diese  Besserung  ist  nicht  allen  Teilen  der  Industrie  zugute  gekommen.  Und  es
bleibt  die  Frage  offen,  ob  die  günstigere  Lage  der  kartellierten  Industrien  nicht  oft  direkt
auf  Kosten  anderer  Gewerbe,  insbesondere  derjenigen,  die  ihre  Produkte  weiter  verarbeiten, ­
  erzielt  worden  ist.  Die  Kartellbildung  ist  ja  nicht  auf  allen  Gebieten  des
Wirtschaftslebens  gleichmäßig  möglich.  Sie  gelingt  vielmehr  nur  da,  wo  bestimmte
Vorbedingungen  erfüllt  sind.  Kartelle  können  nur  da  gedeihen,  wo  nicht  der  scharfe
Wind  starken  Konjunkturenwechsels  weht,  sondern  wo  der  Betrieb  nach  relativ  einfachen
und  ziemlich  feststehenden  Grundsätzen  erfolgt.  Sie  setzen  ferner  einen  möglichst  gleichmäßigen, ­
  nur  geringe  Qualitätsunterschiede  zulassenden  Charakter  der  hergestellten  Waren
voraus.  Man  darf  es  den  Produkten  möglichst  wenig  ansehen,  aus  welcher  Fabrik
sie  stammen,  so  daß  es  dem  Abnehmer  ziemlich  gleichgültig  ist,  welches  Fabrikat  er
erhält.  Ebenso  wie  sich  eine  sehr  große  Mannigfaltigkeit  von  Produkten  dem  Vertrieb
auf  gemeinsame  Rechnung  entzieht,  ist  dies  auch  der  Fall,  wenn  die  Gestaltung  der
            
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