Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

6.  Das  Rheinisch-Westfälische  Rohcisensyndikat.

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flüssigen  Transportkosten,  indem  sie  jedem  Betrieb  sein  natürliches  Absatzgebiet  überweisen. ­
  Allein  als  Kehrseite  der  Medaille  bleibt  bei  den  Kartellen  immer  die  Gefahr
einer  monopolistischen  Preispolitik  bestehen.  Ist  auch  das  Monopol  der  Kartelle  kein
rechtliches,  sondern  nur  ein  tatsächliches  und  ist  es  weiter  kein  absolutes,  sondern  nur
ein  beschränktes,  so  können  sie  doch  innerhalb  der  ihnen  gezogenen  Grenzen  die  Preise
so  festsetzen,  daß  sie  höher  sind,  als  sie  bei  völlig  freier  Konkurrenz  sich  stellen  würden.
Nicht  mit  Anrecht  hat  man  daher  von  einem  Kartellaufschlag  auf  die  Preise  gesprochen.
Den  Nachteil  hiervon  haben  nicht  nur  die  Konsumenten,  sondern  vor  allem  auch  die
Gewerbe  zu  tragen,  welche  die  Produkte  der  kartellierten  Industrien  weiter  verarbeiten.
Infolge  der  hohen  Preise,  die  sic  für  ihre  Rohstoffe  bezahlen  müssen,  geht  unter  Amständen ­
  nicht  nur  ihr  inländischer,  sondern  vor  allem  auch  ihr  ausländischer  Absatz  zurück.
Mit  diesen  Gefahren  der  Kartellbildung  muß  man  ruhig  rechnen,  auch  wenn  man  in
den  Kartellen  eine  notwendige  und  berechtigte  Stufe  der  großindustriellen  Organisation
sieht.  Denn  es  ist  unklug,  wie  sich  einmal  der  höchste  Gerichtshof  der  Vereinigten
Staaten  in  einem  Arteil  über  den  Petroleumtrust  ausgedrückt  hat,  es  ist  unklug,  der
menschlichen  Begierde  da  zu  trauen,  wo  ihr  Gelegenheit  geboten  ist,  sich  auf  Kosten
anderer  breit  zu  machen.  Darum  wird  der  Staat  in  Zukunft  der  industriellen  Kartellbewegung ­
  wohl  nicht  mit  verschränkten  Armen  zusehen  können,  sondern  er  wird  in  irgend
einer  Weise  regelnd  und  bestimmend  in  das  Kartellwesen  eingreifen  müssen.  Denn
„eine  Vereinigung,  welche  einen  ganzen  Zweig  des  nationalen  Wirtschaftslebens  monopolistisch ­
  beherrscht,  welche  durch  ihr  Bestehen  den  obersten  Grundsatz  unseres  seitherigen
Wirtschaftsrechts  tatsächlich  aufhebt,  ist  aus  der  Sphäre  des  Privaten  herausgetreten
und  steht  im  Bereich  des  öffentlichen  Interesses"  (Bücher).  Es  liegt  hier  eine  historische
Parallele  nahe.  Auch  die  Zünfte  der  Handwerker,  die  Kartelle  des  Mittelalters,  sind
wohl  zunächst,  wenigstens  in  ihrer  die  ganze  Produktion  der  Genossen  regelnden  Tätigkeit,
als  freiwillige  Vereinigungen  entstanden.  Allein  sehr  bald  schon  sah  sich  die  Obrigkeit
der  Städte  veranlaßt,  in  die  Autonomie  der  Zünfte  einzugreifen,  ihre  Ordnungen  von
der  Genehmigung  der  Behörde  abhängig  zu  machen  und  ihr  Gebaren  einer  beständigen
Aussicht  zu  unterwerfen.  Genau  so  wird  früher  oder  später  die  Autonomie,  welche  die
Kartelle  heute  genießen,  durch  staatliche  Eingriffe  im  Interesse  der  Gesamtheit  eingeschränkt ­
  werden  müssen.  Die  gesetzliche  Regelung  des  Kactellwesens  ist  eine  der
wichtigsten,  aber  auch  eine  der  schwierigsten  Ausgaben,  welche  die  wirtschaftliche  Entwickelung ­
  des  19.  Jahrhunderts  dem  Gesetzgeber  des  20.  gestellt  hat.

6.  Das  Rheinisch-Westfälische  Roheisensyndikat.
Von  Henry  Voelcker.

voelcker,  Bericht  über  das  Kartellwesen  in  der  inländischen  Eisenindustrie.  3n:  Kontra,
diktorische  Verhandlungen  über  deutsche  Kartelle,  kjeft  5.  Berlin,  Franz  Siemenroth,  t?o^.
s.  25—27,
Die  Bestrebungen  zur  Verbandsbildung  in  der  rheinisch-westfälischen  Kochofenindustrie
  lassen  sich  bis  in  das  Jahr  1873  zurückverfolgen.  In  diesem  Jahre  wurde
ein  statistischer  Verband  gegründet,  dessen  Mitglieder  sich  verpflichteten,  monatlich  einem
Vertrauensmann  die  Produktion  der  verschiedenen  Roheisensorten,  ihren  Absatz,  Selbstverbrauch ­
  und  ihre  Vorräte  anzugeben.  Die  Angaben  wurden  zusammengestellt  und
jedem  Mitgliede  summarisch  mitgeteilt.  Im  Jahre  1879  vereinigten  sich  die  Gießerei-
            
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