Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

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Zweiter  Teil.  Lande!.  X.  Die  Börse.

oder  sie  wenden  sich  an  einen  der  Makler,  welche  die  Vermittlung  von  Geschäften
in  dem  betreffenden  Gegenstand  (Getreidesorte,  Aktien  der  betreffenden  Gesellschaft)  zu
ihrem  speziellen  Geschäft  gemacht  haben.  An  diese  Makler  gelangt  also  der  größte
Teil  der  Verkaufs--  und  Kaufsofferten,  die  an  einem  Börsentage  in  dem  betreffenden
Artikel  vorliegen,  —■  „Angebot  und  Nachfrage"  konzentrieren  sich  bei  ihnen  —  und
sie  suchen  nun  aus  diesen  Kaufs-  und  Verkaufsaufträgen  unter  Berücksichtigung  der
angegebenen  Preis-„Limits"  möglichst  viele  Geschäfte  zustande  zu  bringen,  um  möglichst
viel  „Courtage"  zu  verdienen.
Je  nach  dem  Maße  nun,  in  welchem  Aufträge  zum  Verkauf  oder  zum  Kauf
bestimmter  Warensorten  oder  Wertpapiere  an  den  Markt  gelangen,  —  je  nach  der
jeweiligen  „Marktlage"  —  müssen  die  zu  einem  bestimmten  Preise  keinen  Verkäufer  mehr
findenden  Kaufrefiektanten  mit  ihren  Preisangeboten  in  die  Löhe  gehen  und  so  zu
dem  teureren  Preise  weitere  Warenbesitzer  zum  Verkaufe  zu  bewegen  suchen,  oder
umgekehrt  die  Verkaufsreflektanten  mit  ihren  Preisforderungen  herabgehen,  um  so
durch  die  billigeren  Preise  einen  Anreiz  zum  Kauf  zu  schaffen.  Der  ganze  Verkehr
trägt  demgemäß  den  Charakter  eines  unablässigen  gegenseitigen  Ansteigerns  an  sich:
die  Kommissionäre  und  Makler  mit  Kaufaufträgen  in  der  Tasche  gehen  mit  ihren
Preisangeboten  herauf,  diejenigen  mit  Verkaufsaufträgen  mit  den  Preisforderungen
herunter;  so  nähern  sich  die  Gebote  einander,  bis  ein  Geschäftsabschluß  zwischen  zwei
Beteiligten  zustande  kommt.  In  der  Vergangenheit  und  auch  heute  noch  vielfach  in
England  und  Amerika  frägt  der  Verkehr  auch  geradezu  die  Form  der  öffentlichen
Versteigerung  an  sich:  ein  Börsenbeamter  ruft  von  erhöhter  Stelle  aus  die  einzelnen
Waren  und  Papiere  auf;  im  weiten  Kreise  um  ihn  stehen  die  Reflektanten  und  rufen
ihm  ihre  Gebote  zu,  die  er  mit  lauter  Stimme  wiederholt,  bis  die  Annahme  eines
Gebotes  durch  einen  Anwesenden  erfolgt,  worauf  die  Gebote  von  neuem  beginnen.
Meist  vollzieht  sich  der  Verkehr  ohne  einen  solchen  amtlichen  Ausrufer,  aber  dem
Wesen  nach  in  ähnlicher  Weise.  Die  Ländler  in  einem  Papier  oder  in  einer  Warensorte ­
  mit  besoirders  lebhaftem  Verkehr  haben  meist  einen  bestimmten  allgenrein  bekannten
Standort  auf  der  Börse.  Dorthin  begibt  sich,  wer  davon  kaufen  oder  verkaufen  will,
und  es  bildet  sich  ein  Knäuel  von  Menschen,  welche  sich  ihre  Kaufs-  und  Verkaufsofferten ­
  zurufen,  oft  geradezu  zubrüllen,  indem  sie  sich  dabei  bestimmter  kurzer  Ausdrücke ­
  bedienen,  die  an  der  Börse  üblich  sind.  Zum  Beispiel:  ein  Rubel-Makler  Meier
hat  einen  Auftrag  zum  Kauf  von  30000  Rubel  russischer  Noten  nicht  über  211
Mark  pro  100  Rubel  erhalten.  Er  begibt  sich  an  den  Rubel-„Markt",  d.  h.  zu
demjenigen  Knäuel,  in  welchem  Rubelnoten  gehandelt  werden  und  ruft  „210  Geld!",
d.  h.  im  Börsendialekt:  ich  biete  210  Mark  für  je  100  Rubel.  Ein  anderer  ruft
darauf:  „211  Brief!",  d.  h.  ich  bin  bereit,  zu  211  für  100  Rubel  Rubelnoten  zu
verkaufen.  Darauf  ruft  z.  B.  Meier;  „210  Geld!",  d.  h.  ich  will  nur  210  geben.
Darauf  ein  dritter:  „210 3 / 4  Brief!",  d.  h.  ich  gebe  Rubelnoten  schon  zu  210 3 / 4  für
100  Rubel  her.  Nun  geht  Meier,  einsehend,  daß  er  zu  210  Mark  keine  Rubel
erhält,  mit  seinem  Gebot  in  die  Löhe  und  ruft  z.  B.  zunächst  „210V«  Geld!",  d.  h.
ich  bin  bereit,  210  V«  für  100  Rubel  zu  zahlen,  worauf  z.  B.  ein  vierter  ruft:
„210V«  Brief!"  und  Meier,  nochmals  höher  bietend:  „2IOV2  Geld!"  Auf  dieses
Gebot  hin  ruft  ihm  ein  fünfter  zu:  „Wieviel  mal?"  nämlich:  „Wieviel  mal  die  sogenante
„Schlußeinheit"  —  d.  h.  das  der  Einfachheit  der  Verständigung  halber  von  den  Börsenusancen ­
  ein  für  allemal  als  gemeint  festgesetzte  Quantum,  z.  B.  in  Berlin  bei  Rubeln
10000  Rubel  —  wollen  Sie  zu  diesem  Preise  kaufen?"  woraus  Meier  antwortet:
„3  mal!"  (d.  h.  3X10000  =  30000  Rubel  will  ich  kaufen),  und  der  Gegner,  wenn
ihm  30000  Rubel  zum  Preise  von  2IOV2  Mark  für  je  100  Rubel  feil  sind,
antwortet:  „An  Sie!"  (nämlich  an  Sie  verkaufe  ich  die  betreffende  Quantität  zu  dem
gebotenen  Preise,  —  der  entsprechende  Ausdruck  des  Käufers  würde  lauten:  „Von
            
Waiting...

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