Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

292  Zweiter  Teil.  Kandel.  XIV.  Kaufmännisches  Antcrrichtswcscn.
des  deutschen  Volkes  viele  bisher  gebundene  Kräfte  loslöste,  und  daß  sie  ferner  zum
Teil,  und  zwar  zum  sehr  erheblichen  Teil,  auf  Persönlichkeiten  zurückgehen,  die  in  den
fast  ausschließlich  auf  den  Kaufmannsstand  zugeschnittenen  Kandclsrcpubliken  an  der
Elb-  und  Wesermündung  eine  Ausbildung  genossen  haben,  deren  Eigenart  sich  immer
weniger  erhalten  läßt,  —  so  sehen  Sie,  daß  dem  Kinweis  auf  die  bisher  errungenen
Erfolge  nur  eine  sehr  beschränkte  Beweiskraft  innewohnt.
And  das  gilt  noch  mehr  von  dem  Lob,  das  das  Ausland  dem  deutschen  Kaufinann
  zu  spenden  pflegt.  Einmal  dürfen  Sic  nicht  übersehen,  daß  es  deutsche  Eigenart
ist,  im  Gegensatz  zu  vielen  andern  Völkern,  seine  besten  Söhne  in  die  ferne  Fremde
zu  entsenden.  Sodann  gilt  dieses  Lob  weniger  dem  selbständigen  Kaufmann,  der  im
Ausland  sein  Glück  macht;  cs  gilt  vielmehr  in  erster  Linie  den  kaufmännischen  Angestellten, ­
  den  Kommis  und  Buchhaltern,  mit  denen  Deutschland  fast  die  ganze  Welt
versorgt.  Denn  dank  der  deutschen  Schulbildung,  dank  der  Deutschland  eigenen  kaufmännischen ­
  Lehrzeit,  dank  endlich  und  nicht  zum  mindesten  der  trefflichen  Zucht  der
deutschen  allgemeinen  Wehrpflicht  haben  wir  ben  unbestrittenen  und  unbestreitbaren
Ruhm,  besser  als  irgend  ein  anderes  Volk  Tugenden  wie  Pünktlichkeit,  Zuverlässigkeit,
Redlichkeit  und  Sparsamkeit  in  unsern  wanderlustigen  Söhnen  zu  entwickeln.  Deutschland
liefert  deshalb  unzweifelhaft  von  allen  Ländern  die  besten  Kandelsangestellten  und
leider  auch  fast  allen  Ländern.  Das  ist  ein  Vorzug  etwas  fraglicher  Art.  Jedenfalls
dürfen  wir  uns  nicht  mit  ihm  begnügen.  Jedenfalls  müssen  wir  danach  streben,  zu
freierer,  selbständiger  Entfaltung  dicKräfte  anzuspornen,  den  Drang  zu  wecken,  die  Fähigkeit
heranzubilden,  früh  die  Ziele  sich  so  zu  stecken,  daß  später  die  Kraft  nicht  versagt,  sich
herauszuarbeiten  aus  untergeordneten  dienenden  Stellungen,  wo  manche  entsagungsvolle
deutsche  Arbeit  noch  dazu  unseren  Konkurrenten  zugute  kommt.
Das  ist  eine  der  Kauptaufgaben  unserer  Kochschule.  Ihre  Eigenart  liegt  nicht
darin,  das  Erklimmen  der  untersten  Stufen  kaufmännischer  Tätigkeit  zu  erleichtern.  Nie
kann  eine  Kochschule  ihren  Kauptzweck  darin  erblicken,  die  Zeit  des  Lemens  zu  verkürzen. ­
  Weiter  ist  ihr  Ziel  gesteckt.  Wie  jede  andere  Kochschule,  so  will  auch  die
neue  Kandelshochschule  in  Köln  das  ganze  Leben  ihrer  Schüler  beeinflussen.  Sie  will
cs  vor  allem  verhindern,  daß  im  Leben  des  Kaufmanns  so  früh  ein  toter  Punkt
erreicht  wird,  über  den  hinauszukommen,  die  Kraft  der  nötigen  Schulung  entbehrt.
Daher  liegt  aber  auch  das  Schwergewicht  der  Kandelshochschule  nicht  in  den  kauftnännischtechnischen
  Fächern,  >vic  Buchführung  und  Korrespondenz.  Dieses  mehr  Kandwerksmäßige
  im  Kandel  soll  zwar  nicht  vernachlässigt  werden;  es  läßt  sich  jedoch  auch
anderswo  erlernen;  es  ist  bei  uns  mehr  zweckmäßiges  Beiwerk  als  bestimmend  für  die
Eigenart  unserer  Anstalt.
Auch  denken  wir  in  der  Kochschulc  nicht  daran,  bisher  praktisch  erworbene
Kenntnisse  durch  theoretische  vollständig  zu  ersetzen.  Die  Kandclshochschule  gibt  sich
nicht  dem  Wahne  hin,  sie  könne  lehren,  wie  man  Geld  verdiene.  Wir  wissen  vielmehr,
daß  das,  was  man  „geschäftlichen  Blick"  nennt,  sich  nicht  lehren  läßt;  und  keine  Kochschule
  kann  einen  fertigen  „Disponenten"  erziehen.  Wohl  aber  kann  sie  denen,  die  an
sich  die  Fähigkeiten  zun:  Kaufmann  haben,  dazu  verhelfen,  diese  Fähigkeiten  leichter,
vollständiger,  vielseitiger  zu  entwickeln  und  auszunutzen.  Nichtfertige  Kaufleute  kann
die  Kandelshochschule  allein  aus  sich  hervorgehen  lassen,  wie  auch  nichtfertige  Verwaltungsbeamte, ­
  Richter  und  Rechtsanwälte  die  länger  fesselnde  Aniversität  verlassen.
Zum  Kaufmann,  wie  zum  Vcrwaltungsbeamten,  zum  Richter  und  zum  Rechtsanwalt
wird  inan  nur  in  der  Praxis.  Aber  eine  Ausbildung  wird  erstrebt,  die  in  der  Praxis
möglichst  leicht  und  schnell  und  vollkommen  dazu  werden  läßt.
Das  Schwergewicht  der  Kandelshochschule  liegt  daher  in  den  Fächern,  die  nicht
bloße  Fertigkeiten,  sondern  eine  allgemeine  Schulung  des  Geistes  bezwecken.  Wie  die
erste  Kandelshochschule  in  Deutschland  die  im  Jahre  1768  von  Büsch  gegründete
            
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