Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

10.  Die  Spielwarenindustrie  des  Meininger  Oberlandes.  335
wurde.  Seit  den  siebziger  Zähren  hat  die  Fabrikation  von  „Gelcnkpuppen"  einen
bedeutenden  Aufschwung  genommen.  Während  ursprünglich  Lals-,  Fuß-,  Knie-  :c.
Gelenke  durch  Schnüre  beweglich  gemacht  wurden,  wurden  später  gedrechselte  Lolzkugelgelenke
  mit  elastischen  Schnüren  mit  Kopf  und  Rumpf  verbunden,  so  daß  dem
Kinde  ermöglicht  wird,  der  Puppe  fast  jede  gewünschte  Stellung  zu  geben.  Die  Köpfe
hierzu  sind  zum  größten  Teil  aus  Porzellan  mit  und  ohne  Glasaugen  (in  letzterem
Falle  einfach  gemalte  Augen);  ihre  Fabrikation  beschäftigt  heute  mehrere  große  Porzellanfabriken ­
  fast  ausschließlich.
Etwa  gleichzeitig  hiermit,  d.  h.  seit  den  siebziger  Jahren  ging  man  von  der
Fabrikation  der  „Täuflinge"  zu  derjenigen  gekleideter  Puppen  über,  und  damit  eben
war  der  Anfang  mit  der  Begründung  von  Fabrikbetrieben  innerhalb  der  bisher  rein
hausindustricllen  Fabrikation  gemacht,  wenn  auch  heute  noch  die  Puppenkonfektionsarbeiten, ­
  das  Nähen  von  Puppenschuhen,  Lütchen  rc.  zum  großen  Teil  durch  Leimarbeiterinnen ­
  sich  vollzieht.  Man  darf  annehmen,  daß  von  der  Gesamtproduktion  der
Sonneberger  Spielwarenindustrie  die  volle  Lälfte  auf  Puppen,  ein  Drittel  etwa  auf
die  übrigen,  gemeinhin  als  Spielzeug  bezeichneten  Artikel  und  der  Rest  auf  Attrappen,
Christbaumschmuck  rc.  entfällt.
Die  Puppenfrisur  wurde  ursprünglich  gemalt,  in  den  sechziger  Jahren  wandte
man  dann  Flachs  und  auch  Menschenhaar  an.  Sprach  gegen  letzteres  schon  der
Amstand,  daß  es  zu  teuer  war,  so  erwies  der  Flachs  wegen  seiner  Brüchigkeit  sich  als
wenig  geeignet.  Dagegen  besitzt  man  nunmehr  ein  sehr  brauchbares  Frisurenmaterial
in  dem  sogen.  „Mohair",  dem  Laare  der  Angoraziege,  welches  aus  Kleinasien  und
Persien  über  England  gewaschen,  gekämmt  und  gefärbt  in  großen  Mengen  eingeführt ­
  wird.
Die  Artikel  der  Sonneberger  Spielwarenindustrie  in  ihrer  schier  unbegrenzten
Mannigfaltigkeit  aufzuzählen,  ist  unmöglich.  Diese  Vielseitigkeit  ist  eben  nur  bei  hausindustrieller, ­
  manueller  Lerstellungsform  möglich.  Gerade  diese  Vielseitigkeit  ist  eine
Lauptvoraussetzung  für  ihre  geschäftlichen  Erfolge.  Auch  die  Landels-  und  Gewerbekammer ­
  Sonneberg  gibt  dem  in  ihrem  Jahresbericht  pro  1903  Ausdruck:  „Je  weiter
der  Fabrikant  in  seinen  Artikeln  auszuholen  versteht,  je  verschiedenartiger  die  Gebiete
sind,  aus  denen  er  sich  neue  Gedanken  entlehnt,  je  mannigfacher  die  Materialien  sind,
die  er  zur  Verarbeitung  und  Ausstattung  feiner  Arttkel  zur  Verwendung  zu  bringen
weiß,  umsomehr  wird  sich  die  Industrie  ihren  Aufgaben  gewachsen  zeigen.  Ein
Blick  in  ein  gut  ausgestattetes  Musterzimmer  lehrt,  daß  Sonneberg  sich  dieser  Aufgabe
bewußt  ist;  unter  den  tausenderlei  Dingen  wird  man  erklärlicherweise  immer  wieder
alten  Bekannten,  die  auf  den  Märkten  sich  gut  eingeführt  haben  und  nicht  vermißt
werden  wollen,  begegnen,  von  Saison  zu  Saison  aber  ist  das  erhöhte  Bestreben  zu
bemerken,  sei  es  unter  Verwertung  politischer  Begebenheiten,  wissenschaftlicher  Errungenschaften ­
  oder  sensationeller  Tagesereignisse,  Neues,  Originelles  zu  finden  und  insbesondere
dem  Charakter  und  dem  besonderen  Geschmack  der  einzelnen  Märkte  Rechnung  zu
tragen.  So  lange  die  Industrie  von  diesem  Streben  nach  Fortschritt  und  Vervollkommnung ­
  sich  leiten  läßt,  wird  sie  zwar  wirtschaftlichen  Rückschlägen  nicht  vollständig
zu  entgehen,  aber  doch  schwierigen  Zeiten  gegenüber  sich  widerstandsfähiger  zu  behaupten
vermögen."
Ein  eindrucksvolles  Bild  der  Leistungsfähigkeit  der  Sonneberger  Spielwarenindustrie ­
  wurde  eben  wieder  auf  der  Weltausstellung  in  St.  Louis  geliefert,  wo  sie,
wie  1893  in  Chicago  und  1900  in  Paris,  in  Gestalt  einer  Kollektivgruppe  vertteten  ist.
Die  Sonneberger  Spielwarenindustrie  umfaßt  heute  30—40  Orte  des  Meininger
Oberlandes,  auch  das  benachbarte  sachsen-koburgische  Neustadt  ist  industtiell  mit
diesem  Gebiet  verwachsen.  Nach  der  Berufs-  und  Gewerbezählung  von  1895  gehörten
von  der  55542  Personen  betragenden  Bevölkerung  des  Kreises  Sonneberg  17  777,
            
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