Full text : Volkswirtschaftliches Lesebuch für Kaufleute

74  Zweiter  Teil.  Handel.  III.  Zur  Geschichte  von  Handel  und  Industrie.
die  Grundlage  des  venetianischen  Handels  bildete,  so  lag  der  Schwerpunkt  des  hansischen
Verkehrs  zur  Zeit  seiner  Blüte  in  Nowgorod;  wie  der  Ausschluß  der  Engländer  von
den  Mittelmeerländern  genuesische  und  venetianische  Politik  war,  so  war  die  Fernhaltung
derselben  aus  der  Ostsee  hansische  Politik.  Wie  für  die  Venettaner  es  wichttg  war,
den  Weg  nach  dem  Norden  durch  kluges  Benehmen  gegenüber  den  Staaten  am  Atlanttschen
  Ozean  sich  zu  sichern,  so  war  der  hansische  Handel  abhängig  von  der  Herrschaft
im  Sund.  Ebenso  waren  die  Ziele  der  englischen  Poliük  ungefähr  dieselben,  die  sie
gegenüber  Venedig  verfolgte.  Wie  sie  die  Italiener  nach  zeitweiser  Begünstigung  zu
beschränken,  dem  englischen  Kaufmann  die  Rolle  zuzuweisen  und  ihm  den  Eintritt  ins
Mittelmeer  zu  erobern  sucht,  ebenso  denkt  sie  daran,  die  Privilegien  der  Hansen  in
England  zu  zerttümmcrn  und  der  englischen  Flagge  in  dem  östlichen  Meere  größeren
Rauni  zu  verschaffen.
Läßt  sich  in  dieser  Weise  eine  Parallele  zwischen  Venedig  und  der  Hanse  ziehen,
so  fehlt  es  doch  auch  nicht  an  Verschiedenheiten.  Die  den  Engländern  stammverwandten
Hansen  wußten  frühzeitig  bei  der  einheimischen  Bevölkerung  und  den  Königen  wirkliche
Sympathien  sich  zu  erwerben,  dem  englischen  Gemeinwesen  mehr  als  irgendwo  sich  zu
nähern;  der  Italiener  dagegen  war  dem  Engländer  immer  fremd  und  antipathisch  geblieben. ­
  Der  deutsche  Handel  war  mehr  ehrlich  und  schlicht,  der  italienische  mehr  auf
Ausbeutung  und  List  gegründet.  Die  Hansen  vermochten  ihre  Rechte  scharf  auszubilden ­
  und  in  fast  ununterbrochener  Folge  zu  bewahren,  sie  handelten  sehr  bald  gemeinsam, ­
  hatten  einen  Bund,  wenn  auch  keine  einige  Nation  hinter  sich;  die  Italiener
dagegen  besaßen  nur  vereinzelte  Rechte,  machten  unter  sich  gefährliche  Konkurrenz  und
besaßen  infolge  der  politischen  Zersplitterung  keinen  festen  Zusammenschluß.  So
kommt  es  wohl,  daß  die  Hansen  etwas  länger  als  die  Venetianer  auf  englischem  Boden
schalten  und  walten  dursten.
Die  ersten  nachweisbaren  Beziehungen  der  Deutschen  zu  England  gehen  bis  in
das  10.  Jahrhundert  zurück  und  sind  von  den  Bewohnern  der  zunächst  gelegenen  und
früh  entwickelten  Küstengebiete  der  Nordsee  geschaffen  worden.  Vor  allen  gebührt
Köln,  dessen  Gemeinwesen  über  das  der  übrigen  deutschen  Städte  sehr  bald  emporragte,
das  Verdienst,  den  schwierigsten  Schritt  getan,  die  Landsmannschaft  mit  der  Gildehalle
in  England  fester  begründet  und  den  Deutschen  den  zum  Handel  nötigen  Rechtszustand
auf  dem  fremden  Boden  gesichert  zu  haben.  Die  übrigen  westfälischen  und  deutschen
Städte  des  Nordseegebietes,  die  nach  England  handelten,  mußten  sich  Köln  unterordnen,
um  an  dessen  Freiheiten  in  England  zu  partizipieren.
Das  Wesen  und  die  Hauptbedeutung  dieses  durch  die  Städte  der  Nordsee  geschaffenen ­
  Handels  lag  zum  Teil  in  dem  direkten  Austausch  der  beiderseittgen  Produtte,
noch  mehr  aber  in  der  von  den  Kölnern  und  ihren  Genossen  übernommenen  Vermittlung ­
  des  Handels  zwischen  England  und  den  niederländischen  Märkten,  endlich  in
dem  ausschließlich  von  der  deutschen  Genossenschaft  auf  Gotland,  an  welcher  Köln
und  die  übrigen  Nordseestädte  ursprünglich  den  größten  Anteil  hatten,  beanspruchten
Verkehr  zwischen  der  West-  und  Ostsee.
Im  Laufe  des  13.  Jahrhunderts  erhob  sich,  unterstützt  von  dem  deutschen  Kaiser,
gegen  die  ausschließliche  Herrschaft  Kölns  die  neu  aufgekommene  Ostseestadt  Lübeck.
Am  26.  August  1238  gestattet  Heinrich  III.  den  Lübeckern,  England  zu  besuchen,  am
27.  Dezember  1266  gewährt  er  ihnen  ein  größeres  Privilegium  und  am  5.  Januar  1267
das  Recht,  eine  eigene  Hansa  zu  bilden.  Das  Dazwischentreten  Lübecks  ließ  im  Handel
eine  Scheidung  eintreten.  Der  Verkehr  zwischen  Ost-  und  Westsee  ging  mehr  und  mehr
in  die  Hände  der  Ostseestädte  über;  von  Gotland,  später  mit  Beisciteschiebung  Wisbys
direkt  von  der  neuen  Niederlassung  Nowgorod  aus  führen  sie  die  Produtte  des  Ostens
nach  England  und  Flandern  und  bringen  dafür  Produtte  des  niederländischen  Marttes
und  englische  Manufatte  und  Rohstoffe  nach  Osten  zurück.  Trotz  dieses  beginnenden
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.