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Der Wertgedanke“,
verkehren. Ähnlich ist es in der Welt der Gedanken, sobald es sich
um eine Behauptung jener Art handelt. Es genügt, eine solche Be
hauptung ein erstes Mal auszusprechen, und unser Denken müßte sich
Gewalt antun, wollte es diese Behauptung nicht sofort zu einer Frage
Umstürzen sehen. So kippt auch die Behauptung, die mit dem Wert
gedanken vorliegt, ohne weiteres zu der Frage um:
Ist der Wissenschaft unter „Wert“ ein Singularobjekt
vorgesetztf
Wir stehen damit, durch den Fortlauf der Untersuchung zwingend
und unausweichlich daraufgeführt, vor einer Frage, die sich einer außer
ordentlichen Tragweite rühmen darf; die aber zugleich nur zu sehr
allem herkömmlichen Denken widerstreitet, um nicht für sich selber
noch der Erläuterung zu bedürfen.
Es setzt diese Frage genau dasjenige in Zweifel, was im Wert
gedanken als Behauptung auftritt: Das Dasein eines Gegen
standes, der so zu denken wäre, daß er im ursprünglichen Sinne
— das will sagen, ohne Hinzutun der Wissenschaft — unter dem
Sprachzeichen „Wert“ als der Eine, für jedermann nämliche und selbe
seiner wissenschaftlichen Erledigung harrt.
Für den Zweck eines erläuternden Vergleiches nehmen wir eine
andere Frage in Betracht. Eine Frage, die in der Wertforschung eine
wichtige Rolle spielt, und die sich eben nur im Geiste der herkömm
lichen Anschauung mit jener Unbefangenheit aufwerfen läßt, mit der
unter der Herrschaft dieser Anschauung z. B. auch die Ausdrücke
„Wertlehre“, „Wertdoktrin“ usw. in Verwendung kommen. Die Frage
nämlich: „Was ist der Wert?“
Wir erkennen leicht, jene erste Frage ist mit dieser zweiten so
wenig eins, daß es von der Antwort auf die erstere abhängt, ob die
letztere überhaupt aufzuwerfen sei. Erst die Bejahung der ersten Frage
kann den Aufwurf der zweiten rechtfertigen. Denn es unterliegt der
letzteren der Wertgedanke als eine stille Voraussetzung.
Diese Abhängigkeit der einen von der anderen Frage bleibt aber
dem herkömmlichen Denken unbewußt, und es kann derselben somit
nicht achten. So erklärt sich abermals aus der Befangenheit des her
kömmlichen Denkens auch die naive Unbefangenheit, mit welcher die
Frage „Was ist der Wert?“ aufgeworfen wird. Ich nenne die letztere
Frage deshalb die Naive Wertfrage und setze ihr jene erste Frage,
die ihr nach dem Geheiß der Kritik vorzutreten hat, als die
Kritische Wertfrage entgegen. 1 )
*) Fr. v. Wies er bemerkt im Hinblicke auf die Frage „Was ist der Wert“, daß