Object: Fortschritt und Armut

308 
Buch VIII. 
Die Anwendung des Heilmittels. 
IV. Die Gleichheit. 
Adam Smiths Regel lautet: „Die Untertanen jedes Staates sollten 
zur Erhaltung der Regierung möglichst im Verhältnis zu ihren respektiven 
Fähigkeiten beitragen, d. h. im Verhältnis zu dem Einkommen, welches 
sie unter dem Schutz des Staates genießen." Jede Steuer, sagt er an 
einer anderen Stelle, die nur auf die Rente, oder nur auf die Löhne 
oder nur auf die Zinsen fällt, ist notwendig ungleich. In Übereinstim 
mung damit ist der gewöhnliche Gedanke, den unsere Systeme der Alles- 
Befteuerung vergebens durchzuführen suchen, daß jeder im Verhältnis 
zu seinen Mitteln oder zu seinem Einkommen Steuern zahlen sollte. 
Abgesehen aber von all den unüberwindlichen praktischen Schwierig 
keiten, die sich der Besteuerung jedermanns nach seinen Mitteln ent 
gegenstellen, so ist es augenscheinlich, daß Gerechtigkeit auf diese Weise 
nicht zu erzielen ist. 
Pier sind z. B. zwei Männer von gleichen Mitteln oder gleichen 
Einkommen, wovon der eine eine große Familie, der andere niemanden 
als sich selbst zu erhalten hat. Aus diese beiden Männer fallen indirekte 
Stenern sehr ungleich, da der eine die Steuern auf die von seiner Familie 
verbrauchte Nahrung, Kleidung usw. nicht vermeiden kann, während 
der andere nur von seinem eigenen Verbrauche zu steuern braucht. 
Nehmen wir hingegen an, daß durch direkte Steuern jedermann gleich 
besteuert würde, so fehlt auch da die Ungerechtigkeit nicht. Das Einkommen 
des einen ist mit der Erhaltung von sechs, acht oder zehn Personen be 
lastet, das des anderen mit der Erhaltung einer einzigen. Wenn man 
aber die Malthussche Lehre nicht so weit treibt, daß man das Ausziehen 
eines neuen Bürgers als eine Schädigung des Staates betrachtet, so 
liegt hier eine grobe Ungerechtigkeit vor. 
Man könnte jedoch einwenden, dies sei ein nicht zu überwinden 
der Übelstand; die Natur selbst sei es, welche menschliche wesen hilflos 
in die Welt bringe und ihre Erhaltung auf die Eltern abwälze, aber als 
Ersatz dafür große und süße Belohnungen biete. Sehr wohl, wenden 
wir uns also an die Natur und lesen wir die Gebote der Gerechtigkeit 
in ihrem Gesetz. 
Die Natur gibt der Arbeit und nur ihr allein. Selbst in einem 
Paradiese würde der Mensch, ohne menschliche Anstrengung, verhungern, 
Pier sind nun zwei Männer gleichen Einkommens — das des einen 
rührt von der Anstrengung seiner Arbeit her, das des anderen von der 
Rente eines Grundbesitzes. Ist es gerecht, daß sie zu den Ausgaben 
des Staates beide gleich beitragen sollen? Sicherlich nicht. Das Ein 
kommen des einen stellt Güter dar, die er erschafft und dem allgemeinen 
Fonds des Staates hinzufügt; das Einkommen des anderen stellt nur 
Güter dar, die er dem allgemeinen Vorrat entnimmt, und wofür er nichts 
zurückgibt. Das Recht des einen auf den Genuß seines Einkommens 
beruht auf dem Zeugnis der Natur, die der Arbeit Güter gewährt;
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.