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Buch VIII.
Die Anwendung des Heilmittels.
IV. Die Gleichheit.
Adam Smiths Regel lautet: „Die Untertanen jedes Staates sollten
zur Erhaltung der Regierung möglichst im Verhältnis zu ihren respektiven
Fähigkeiten beitragen, d. h. im Verhältnis zu dem Einkommen, welches
sie unter dem Schutz des Staates genießen." Jede Steuer, sagt er an
einer anderen Stelle, die nur auf die Rente, oder nur auf die Löhne
oder nur auf die Zinsen fällt, ist notwendig ungleich. In Übereinstim
mung damit ist der gewöhnliche Gedanke, den unsere Systeme der Alles-
Befteuerung vergebens durchzuführen suchen, daß jeder im Verhältnis
zu seinen Mitteln oder zu seinem Einkommen Steuern zahlen sollte.
Abgesehen aber von all den unüberwindlichen praktischen Schwierig
keiten, die sich der Besteuerung jedermanns nach seinen Mitteln ent
gegenstellen, so ist es augenscheinlich, daß Gerechtigkeit auf diese Weise
nicht zu erzielen ist.
Pier sind z. B. zwei Männer von gleichen Mitteln oder gleichen
Einkommen, wovon der eine eine große Familie, der andere niemanden
als sich selbst zu erhalten hat. Aus diese beiden Männer fallen indirekte
Stenern sehr ungleich, da der eine die Steuern auf die von seiner Familie
verbrauchte Nahrung, Kleidung usw. nicht vermeiden kann, während
der andere nur von seinem eigenen Verbrauche zu steuern braucht.
Nehmen wir hingegen an, daß durch direkte Steuern jedermann gleich
besteuert würde, so fehlt auch da die Ungerechtigkeit nicht. Das Einkommen
des einen ist mit der Erhaltung von sechs, acht oder zehn Personen be
lastet, das des anderen mit der Erhaltung einer einzigen. Wenn man
aber die Malthussche Lehre nicht so weit treibt, daß man das Ausziehen
eines neuen Bürgers als eine Schädigung des Staates betrachtet, so
liegt hier eine grobe Ungerechtigkeit vor.
Man könnte jedoch einwenden, dies sei ein nicht zu überwinden
der Übelstand; die Natur selbst sei es, welche menschliche wesen hilflos
in die Welt bringe und ihre Erhaltung auf die Eltern abwälze, aber als
Ersatz dafür große und süße Belohnungen biete. Sehr wohl, wenden
wir uns also an die Natur und lesen wir die Gebote der Gerechtigkeit
in ihrem Gesetz.
Die Natur gibt der Arbeit und nur ihr allein. Selbst in einem
Paradiese würde der Mensch, ohne menschliche Anstrengung, verhungern,
Pier sind nun zwei Männer gleichen Einkommens — das des einen
rührt von der Anstrengung seiner Arbeit her, das des anderen von der
Rente eines Grundbesitzes. Ist es gerecht, daß sie zu den Ausgaben
des Staates beide gleich beitragen sollen? Sicherlich nicht. Das Ein
kommen des einen stellt Güter dar, die er erschafft und dem allgemeinen
Fonds des Staates hinzufügt; das Einkommen des anderen stellt nur
Güter dar, die er dem allgemeinen Vorrat entnimmt, und wofür er nichts
zurückgibt. Das Recht des einen auf den Genuß seines Einkommens
beruht auf dem Zeugnis der Natur, die der Arbeit Güter gewährt;