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Erwin Respondek,
neue Sorgen. So traten immer wieder neue Hemmungen ein. Das Wirt
schaftsleben selbst ging nur langsam, gleichsam apathisch, vorwärts.
Der Industrie mangelte es an Aufträgen, für Handel und Gewerbe stand
eine noch schlechtere Konjunktur in drohendem Anzuge, und die Staats
kasse kämpfte unermüdlich gegen den ewig drückenden Geldmangel.
Es ist daher nicht zu verwundern, daß auch diese inneren Zustände
der Spekulation den Stempel des Pessimismus aufdrückten und das
Kursniveau ungünstig beeinflussen mußten. Mit Mühe und Not wurden
alle diese Schäden am Kursgebäude in einem grenzenlosen, dem
Franzosen angeborenen Optimismus immer wieder ausgebessert. Es
fehlte auch nicht an Versuchen trotz all dieser Hemmnisse in die Spe
kulation dennoch einen lebhafteren Schwung zu bringen, aber ohne
jeglichen wahrnehmbaren Erfolg. Im Juni brach eine volle Krisis ein.
Exekutionsverkäufe und freiwillige Glattstellungen waren sehr zahl
reich, schienen sich zu überstürzen. An einem Tage wurde die Platz-
und Provinzkundschaft, an einem andern Petersburg und Moskau und
dann wieder Antwerpen und London glatt gestellt, wie der Bericht
erstatter der „Frankfurter Zeitung“ aus Paris meldete. Das für die Börse
so dringend notwendige kaltblütige Überlegen verschwand. Die wil
desten Gerüchte riefen bei den Spekulanten hohe Angst hervor und die
Baisse erweckte den Anschein, als wollte sie sich zu einer vernichtenden
Lawine entwickeln. Hierzu kam, daß eine scharfe Verleumdungskam
pagne gegen die Banken — speziell gegen die „Societe Generale“ — in
das Publikum die größte Beunruhigung trug. Es drohte ein General
sturm der Depositen-Einleger auf die Banken. Der Regierung gelang
es noch durch schnelles Einschreiten den Zusammenbruch zu vermeiden,
aber die Börse verharrte dennoch in ihrer nervös überreizten Stimmung.
Es fiel auf, daß deutsche Staats- und Städte-Anleihen, besonders Reichs
anleihe in großen Summen gegen Mitte des Jahres abgestoßen wurden
und nach Deutschland zurückwanderten. Seit 1870 hatte die Pariser
Börse noch keine so ernste und schwere Zeit durchgemacht. Die Auf
lage der neuen 3%% Rente in den ersten Tagen des Monats Juli wurde
unter diesen Umständen für den Markt zu einer fast erdrückenden Be
lastung. Der Markt war nicht mehr aufnahmefähig und empfand diese
Emission als eine gefährliche finanzielle Kraftprobe, die um so ernster
wurde, als die allgemeine Lage und Stimmung sich zusehends verschlech
terten.
Denn immer neue bedeutende äußere Ereignisse wirkten auf die Börse
ein. Auf politischem Boden war zu erkennen, daß in Rußland die Kriegs
partei sichtbar die Oberhand erlangte, das befreundete England war
durch die irländische Krisis in politischer Beklemmnis. Und nun wurde
der Gipfel des Leidensweges erreicht durch die plötzliche Ermordung
des österreichischen Thronfolgers. Schärfste Spannung zwischen Öster
reich und Serbien. Man denkt an einen europäischen Krieg. Neue
schwere Schläge für die Börse. Dies alles war zu viel für eine erschöpfte,
überarbeitete und nervöse Börse, wie sie Paris in jenen Tagen hatte. Die