Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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§  10.  Kalk.
Die  Frage  nach  dem  Ursprung  des  Kalkes  und  seiner  Kenntnis
bei  den  Alten  führt  nach  dem  gegenwärtigen  Stande  unseres  Wissens
auf  archäologisch-ethnographische  Gebiete,  welche,  wie  leider  so  viele,  im
Gebiete  der  Philologie  liegende,  und  in  das  Fach  der  Naturwissenschaften ­
  und  der  historischen  Technologie  einschlagende  Fragen,  noch  der
Bearbeitung  und  der  Lösung  harren.  Deswegen  läßt  sich  auch  die
Frage  nach  der  Einführungszeit  des  Kalkes  in  die  Gerberei  vorerst
nicht  beantworten.  Jedenfalls  hat  das  Mittelalter  den  Kalk,  anfangs
noch  neben  Asche,  dann  den  Kalk  allein,  zum  Äschern  benutzt.
Der  Kalk  ist  eines  der  billigsten  Rohmaterialien,  und  weniger
unter  dem  Gesichtspunkt  des  Kalkpreises  als  der  Häuteschonung  und
hygienischer  Rücksichten  wurden  und  werden  Versuche  gemacht,  welche
auf  Kalkersatz  hinzielen.  Wie  wir  sehen  werden,  bestehen  neben  der
Verwendung  des  Kalkes  bereits  seit  langem  Methoden  ohne  Kalk,  so  daß
der  Ersatz  des  Kalkes  gerade  nicht  zu  den  sehr  akuten  Tagesfragen  gehört.
Wir  sind  damit  am  Ende  unserer  Betrachtung  über  die  Rohmaterialien ­
  der  Gerberei  angelangt;  wir  haben  gesehen,  daß  der  Grundstamm ­
  an  Häuten  und  Fellen,  sowie  auch  an  Gerbstoffen  qualitativ  seit
mehreren  Jahrzehnten  in  einer  langsamen  Umbildung  begriffen  ist,  aber
bei  keinem  einzigen  dieser  Rohmaterialien  besteht  eine  auch  nur  annähernde ­
  Möglichkeit  zur  scharfen  Abgrenzung  der  Weißgerberei  gegen
die  übrigen  Gerbemethoden,  welche  der  Sprachgebrauch  fo  klar  voneinander ­
  trennt.  Speziell  die  Betrachtung  der  Gerbstoffe  hat  uns  den
auch  bei  den  Häuten  und  Fellen,  hier  allerdings  nicht  so  klar  hervortretenden ­
  Kampf  gelehrt,  welchen  die  seit  Jahrhunderten  überkommenen
Stoffe  gegen  die  Substanzen  der  neuen  Verkehrswirtschaft  und  Naturwissenschaft ­
  zu  führen  haben,  indem  nur  Substanzen  höchster  Brauchbarkeit ­
  immer  spezielleren  Zwecken  zugeführt  werden.  Wir  sehen  klar,
daß  dieser  Kampf  in  seinem  Beginne  hauptsächlich  als  Kampf  der  Provenienzen ­
  gegeneinander  sich  darstellt,  auf  den  ein  Kampf  der  Substanzen
untereinander  erfolgt.  So  sehen  wir,  daß  dieser  Konkurrenzkampf  in
seinem  Gesamtbilde  äußerst  mannigfaltig  und  farbenreich  für  uns  erscheint, ­
  aber  in  seiner  praktischen  Betätigung  führt  er  zu  den  auf  assortierten ­
  Rohwaren  aufgebauten  und  mit  Spezialitäten  durchgeführten
monotonen  Prozessen,  welche  in  den  Großbetrieben  tagtäglich  mit  der
pedantischen  Regelmäßigkeit  eines  Uhrwerkes  sich  ereignen.  Die  Kombination ­
  aller  dieser  Rohstoffe  zum  fertigen  Produkt  erfolgt  in  den
gerbereitechnischen  und  gerbereichemischen  Operationen,  zu  deren  Betrachtung ­
  wir  uns  nunmehr  zu  wenden  haben.
            
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