Full text: Die Entwicklung der Weißgerberei

XII 
Aufgabe die, die Gerberei und insbesondere die Weißgerberei durch alle 
möglichen wirtschaftlichen, sozialen, wirtschaftspolitischen, rein historischen 
Phasen hindurch zu verfolgen, ihr Gebaren unter diesen verschieden 
artigen Einflüssen zu beachten, und zu studieren, wie die großen Agentien 
und Repressalien der Weltgeschichte ihren technischen, sozialen, wirtschasts- 
politischen Zustand modulieren. 
Eine solche Arbeit hat regelmäßig damit zu beginnen, daß man 
sich in die bereits vorhandene Litteratur einlieft; aber schon hier erhebt 
sich die Frage nach den Grenzen der einschlägigen Litteratur. Es wurde 
bereits darauf hingewiesen, wie sich der Umfang des scheinbar eng um 
schriebenen Themas bei genauer Untersuchung weitet, und damit wächst 
dann auch die Litteratur; und beim Suchen nach Litteratur ergibt sich 
sehr bald, daß speziellere Studien fehlen; so befand ich mich mit einem 
Schlage der ungeheuren Aufgabe gegenüber, den ganzen hierhergehörigen 
Erscheinungskreis durchzustudieren, durch die ganze Hochflut der 
modernen Handbücher technischen und wirtschaftlichen Inhalts, und 
dabei stellte sich erstens heraus, daß allerdings in diesem weiten Kreise 
des Guten bereits vielleicht zu viel geschrieben worden sei, daß aber 
trotz des großen Litteraturumfanges nur wenig Brauchbares für das 
hier in Betracht kommende Thema sich ergibt. Weiter stellte sich beim 
Studium der Litteratur heraus, daß zwar der Stoff jeder Epoche in 
sich homogen erscheint, daß aber, aus je weiter zurückliegenden Zeiten 
man die Litteratur heranzieht, um so weniger die moderne Litteratur 
jene weiter zurückliegenden Verhältnisse würdigt und kennt. Zwar wird 
eine geschichtliche Einleitung, so kurz sie auch sei, in modernen wirt 
schaftlichen Abhandlungen gewerbepolitischen Inhalts fast allgemein für 
nötig erachtet, aber solche Darstellungen sind zu kurz und ihr Inhalt 
ist vielfach unrichtig. 
An solchen Abhandlungen für dieses Thema — aller 
dings auch wieder nicht Weißgerberei, sondern Lederindustrie im allge 
meinen bzw. Rot- und Chromgerberei — kommen in Betracht Jörissen 
1909 und die Sinzheimer-Monographie von Trier 1909. Die kurzen 
historischen Erörterungen von Triers sind ungenügend; mehr über Weiß 
gerberei sollte man in Jörissens Schrift * 2 ) erwarten, welche er selbst an 
anderer Stelle^) als „sein grundlegendes Werk" bezeichnet; allein schon 
die Zahl wichtiger Abbildungen, besonders im geschichtlichen Teile, ist 
nicht erschöpfend, und eine ganze Reihe wichtiger nationalökonomischer 
Punkte sind zu kurz behandelt oder überhaupt unberücksichtigt geblieben, 
so daß dieses Buch schon nach Abbildungen und Format mehr den 
’) Trier 1909, S. 8ff.; Sinzheimer Monographieen. 
2 ) Jörissen 1909. 3 ) Jörissen 1911, S. 8.
	        
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