Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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1654—1672  geführten  Streit  zwangen  sie  den  Gerbern  noch  das
Schwarzzurichten  der  Leder  ab.  Die  Leipziger  Schuhmacherinnung  hielt
als  Erinnerung  an  jene  alten  Zustände  noch  im  17.  Jahrhundert  auf
ihrem  Jnnungshause  einen  eigenen  Corduanmachergesellen,  welcher  den
Meistern  Leder  zubereitete  Z.
Emen  neuen,  wenn  auch  geringen  Aufschwung,  erhielt  die  Corduanmacherei
  durch  die  Hugenotten,  unter  welchen  auch  einige  Corduaner,
d.  h.  also  Feinledergerber  mit  Sumach  und  Galläpfeln,  sich  befanden  2 ).
So  kommt  es,  daß  z.  B.  im  17.  Jahrhundert  in  Nürnberg  „ein  Corduanmacher,
  ein  Franzose"  war,  welcher  sich  natürlich  nicht  zu  den  eingesessenen
Nürnberger  Kuderwarern  hielt 8 ),  da  er  eine  ganz  andere  Ware  produzierte. ­
  Trotzdem  scheint  die  Corduanmacherei  in  Deutschland  nicht  mehr
auf  die  Höhe  gekommen  zu  sein.  Justi  berichtet  1780,  daß  eine  in  Halle
angelegte  Corduanfabrik  genugsam  gezeigt  habe,  daß  wir  den  Corduan
nicht  so  gut  und  schön  machen  können,  als  dies  in  der  Türkei  geschieht  4  *  *  * ),
und  1796  war  man  wieder  so  weit  gekommen,  daß  man  die  zubereiteten
Bockfelle  aus  der  Türkei  über  Venedig  kommen  ließ,  um  sie  nur  noch
zu  narben,  zu  glätten  und  zu  färben  °).
Es  besitzt  also,  wie  wir  gesehen  haben,  der  Corduan  für  uns  einerseits ­
  die  historische  Bedeutung,  daß  unter  seinem  Namen  vielleicht  die
Weißgerberei  aus  Spanien  nach  dem  übrigen  Europa  eingeführt  wurde,
andererseits  ist  er  aber  auch  ein  Beispiel  dafür,  daß  eine  Methode,
welche  ihren  heimatlichen  Boden  verlassen  hat,  um  in  einem  artfremden
Kulturkreis  einzudringen,  notwendigerweise  degeneriert.
Um  also  ein  Produktionsprinzip  gegen  den  zersetzenden  Einfluß
eines  fremden  wirtschaftlichen  Zustandes  zu  schützen,  um  seine  Entartung
zu  verhindern,  muß  die  Kultur,  welche  ein  Produktionsprinzip  erzeugt
hat,  mit  diesem  wandern,  sie  muß  sich  ausdehnen  und  kann  es  dann
bis  an  ihre  Randzonen  vorschieben.  Die  Ausbreitung  solcher  wandernder ­
  Kulturen  kann  vor  sich  gehen  entweder  in  mehr  friedlicher  Form
oder  im  Anschluß  au  kriegerische  Vorgänge.
Das  gewöhnliche  Agens  zur  friedlichen  Ausbreitung  einer  Kultur
bildet  der  Handel,  und  dieser  mag  hauptsächlich  das  Mittel  gewesen
sein,  durch  welches  zuerst  die  Phönicier  den  Griechen  die  Kenntnis  der
vegetabilischen  Gerbung  vermittelten")  und  durch  welches  vielleicht  auch
die  Römer  diese  Gerbemethode  kennen  lernten  ^).

0  Geißenberger  1895,  S.  172.
‘j  Beheim  1874,  S.  63.  3 )  Roth  1800,  Bd.  III,  S.  149;  Nürnberg  17.
4 )  Justi  1780,  Bd.  II,  S.  584.  »)  Beckmann  1796,  S.  289.
«)  Vgl.  Hehn  1911,  S.  62;  Berliner  Berichte  1898,  Nr.  8,  4.  Beilage;
Speck  1900,  Bd.  II,  S.  269;  Marquardt  1882,  S.  378.
Heinzerling  1882,  S.  2;  vgl.  auch  Speck  1900,  Bd.  III,  S.  423.
            
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