Full text : Die Entwicklung der Weißgerberei

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Weniger  geachtete  Handwerk  durch  die  Aufnahme  von  Abhängigen,
Unfreien  oder  Sklaven 2 )  sozial  immer  tiefer  sinkt,  bis  dann  der  aus  dem
gedrückten  Handwerk  hervorgehende  Wunsch  nach  größeren  Freiheiten
und  Rechten  zu  erbitterten  Kämpfen  führt,  welche  wir  in  klassischer
Form  in  den  Kämpfen  zwischen  Plebejern  und  Patriziern  des  alten
Roms,  und  dann  etwa  1*/,  Jahrtausend  später  in  den  Zunftkämpfen
des  13./14.  Jahrhunderts  vor  uns  haben.  Bei  allen  diesen  Kämpfen
spielen  die  Gerber  nur  dann  eine  auffallende  Rolle,  wenn  sie  in  großer
Zahl  gegenüber  den  anderen  Handwerken  auftreten;  einen  hervorragenden
Anteil  an  solchen  Zunftkämpfen  hatten  z.  B.  die  Gerber  in  Lüttich  8 ) f
deren  spezielle  Geschichte  von  Stanislaus  Bormans  untersucht  worden
ist.  Da  der  Verlauf  jener  Zunftkämpfe  nichts  Auffallendes  bietet,  kann
hier  auf  jene  Schrift  verwiesen  werden.  Das  allgemeine  Ergebnis  aller
dieser  Kämpfe  des  Handwerks  um  ein  größeres  Maß  öffentlicher  Befugnisse ­
  war  überall  das  steigende  soziale  Ansehen  der  Gewerbetreibenden,
welches  z.  B.  in  Lüttich  nach  einem  vom  Adel  angezettelten  und  hauptsächlich ­
  durch  die  gemeinsame  Beteiligung  der  Gerber  vollständig  niedergeworfenen ­
  Aufstand  *)  seine  höchste  Spitze  in  der  Bestimmung  erreicht,
daß  Keiner  (also  auch  kein  Angehöriger  des  Adels)  am  Rate  der  Stadt
teilnehmen  könne,  wenn  er  nicht  einem  Gewerbe  angehöre.
Bei  allen  diesen  politischen  Bewegungen  des  Handwerks  mag  die
Brüderschaft,  deren  Entstehung  vielleicht  unter  dem  Gesichtspunkte  eines
politischen  Schachzuges B )  bei  ihren  Auseinandersetzungen  mit  dem  Adel
von  der  Geistlichkeit  angeregt  oder  unterstützt  worden  war,  eine  mögliche ­
  äußere  Form  für  den  Zusammenschluß  der  Handwerker  gewesen
sein,  und  zwar  eine  Form,  welche  noch  am  ehesten  die  obrigkeitliche
Sanktion  erlangen  konnte 8 ).  Daher  betrachten  die  obrigkeitlichen  Gewalten ­
  anfänglich  die  Brüderschaften  mit  dem  gleichen  scheelen  Gesichte 7 ),
suit  welchem  sie  später  der  Zunft  gegenüberstehen.  So  besteht  z.  B.  in  Köln
im  Anfange  des  13.  Jahrhunderts  unter  den  reich  entwickelten  Brüderschaften ­
  auch  die  Crispinus-Brüderschaft  der  Gerber  in  St.  Maria  in
capitolio 8 ),  und  das  Ende  des  14.  Jahrhunderts  bringt  hier  nach  einem
blutigen  Aufstande  einen  vollständigen  Sieg  über  die  Geschlechter;  dabei
^ird  ähnlich,  wie  in  Lüttich,  der  Schwerpunkt  des  politischen  Lebens
in  die  Gaffeln  und  Ämter  der  Handwerker  und  Gewerbsleute  verlegt 9 ').

*)  Büchsenschütz  1869,  S.  Iss.;  Gfrörer  1866,  Bd.  II,  S.  194.
2 )  Vgl.  auch  Marquardt  1879,  Bd.  I,  S.  157ff.;  Gfrörer  1866,  Bd.  II,
S.  179;  Speck  1900,  Bd.  III,  S.  489ff.;  Hellwig  1882,  S.  15.
8 )  Siehe  Bormans  1863.  4 )  Bormans  1863,  S.  36,  40,  44.
5 )  Siehe  Bormans  1863,  S.  35  f.;  vgl.  auch  Hirsch  1855,  S.  295.
°)  Keutgen  1903,  S.  183,  171.  7 )  I.  f.  N.  1909,  Bd.  XXXVII,  S.  741.
8 )  Wirminghaus  1895,  S.  249.  »)  Ebenda.
            
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