Full text : Frankreichs Bank- und Finanzwirtschaft im Kriege

Frankreichs  Bank-  und  Finanzwirtschaft.

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den  neuen  Steuern  vielfach  dazu  führte,  die  Kapitalien  im  Ausland
in  Sicherheit  zu  bringen.  So  lange  die  Haussetendenz  dauerte  und  die
Vertrauensseligkeit  der  Kundschaft  keine  Grenzen  kannte,  haben  die
Banken  glänzende  Geschäfte  gemacht  Jetzt  zeigt  sich
die  Kehrseite;  die  Kundschaft  ist  übersättigt,  die  Kurse  sind  stark  gefallen, ­
  und  die  Emittenten  haben  sehr  viel  zurücknehmen  müssen,  ohne
die  Kurse  halten  zu  können.  Die  Banken  befinden  sich  daher  jetzt  in
einer  wenig  beneidenswerten  Lage  " 1 )
Zu  dieser  unerquicklichen  Lage,  die  im  wesentlichen  mit  der  Börsendepression ­
  zusammenhing  und  durch  sie  deutlicher  hervortrat,  kam
noch  hinzu,  daß  seit  einigen  Wochen  —  vor  Ausbruch  des  Krieges  —■
in  der  Tagespresse  eine  unerfreulich  scharfe  Verleumdungskampagne
gegen  die  Kreditbanken  einsetzte.  In  Zeitungsartikeln,  Broschüren
aller  Art  wurden  gegen  einzelne  Banken  die  ärgsten  Verdächtigungen
ausgesprochen,  die  leicht  zu  einer  Existenzgefährdung  aller  Kreditinstitute ­
  führen  konnten.  Die  Alarmnachrichten,  deren  Schlagwörter  vornehmlich ­
  Unsolidität  sowie  baldige  Insolvenz  waren,  machten  die  Di,positeneinleger
  scheu,  die  dann  in  ihren  dunklen  Befürchtungen  die  Banken
stürmen  sollten.
Trotz  aller  Bestrebungen  des  Finanzministers,  den  unschönen  und
gefährlichen  Hetz-  und  Wühlarbeiten  ein  Halt  zu  gebieten  und  ihnen
die  verderbenbringenden  Spitzen  abzubrechen,  gelang  es  den  Unterminiere,
an  einer  Stelle  ihr  Ziel  zu  erreichen;  die  Depositengläubiger  stürmten
im  Mai  die  „Societe  Generale“.  Diese  Bank  soll  nach  den  Ausstreuungen
jener  geheimen  Kräfte  durch  verfehlte  Terrain-  und  Effektenspekulationen
  Gelder  verloren  haben,  die  ihr  eigenes  Kapital  um  viele  Millionen ­
  Franken  überschreiten.  Das  Vertrauen  der  Depositengläubiger
war  daher  vollkommen  geschwunden.  Den  Schaltern  der  Bank  drohte
ein  gefährlicher  Sturm,  so  daß  sie  sich  genötigt  sah,  von  der  Regierung
ein  Vertrauensvotum  zu  erbitten.  Dieses  wurde  ihr  von  der  Bank  von
Frankreich  auf  Veranlassung  der  Regierung  nach  Prüfung  ihrer  Bilanzen
und  Bücher  erteilt.  So  konnte  die  Gewalt  des  ersten  Ansturms  gebrochen ­
  werden  und  die  „Societe  Generale“  vor  dem  Zusammenbruch
bewahrt  bleiben.  Der  Run  auf  dieses  zweitgrößte  Kreditinstitut  wird
von  ihm  selbst  auf  Zeitungsverleumdungsarbeit  zurückgeführt.  Nach
dem  Ausweise,  den  die  Bank  nach  Ablauf  dieser  Vorgänge  bekannt  gab,
schien  sie  vollauf  in  der  Lage,  die  Abhebungen  befriedigen  zu  können,
schien  also  in  ihrer  Liquidität  keineswegs  erschüttert  gewesen  zu  sein.
Die  Zahlen  ihrer  Monatsbilanz  weisen  die  folgenden  Daten  auf  (in
Mill.  Frcs.):
Ende  April  1914  bar 2 )  1236,00,  sofort  fällige  Verbindlichkeiten  1689,00
Ende  Juni  1914  bar  (nach  dem  Run)  923,00,  „  „  „  1413,00
Die  Vorgänge  in  den  Beziehungen  zwischen  der  „Societe  Generale“
und  ihren  Gläubigern  kann  man  als  die  ersten  Vorboten  für  eine  mögh
  Siehe  Frankfurter  Zeitung,  27.  Mai  1914.
2 )  bar  s=  sofort  greifbare  Aktiva  (Kasse,  Bankguthaben,  Wechsel).
            
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