Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

6.  Die  angebliche  Bestimmung  der  Preise  durch  Angebot  und  Nachfrage.  181
wenn  das  Angebot  „größer"  ist  als  die  Nachfrage,  dagegen  steigen,  wenn  letztere  das
Angebot  „überwiegt",  fei  hier  zunächst  hervorgehoben,  was  unstrittig  in  diesen
Dingen  ist.
Dahin  gehört  erstens,  daß,  wenn  die  Nachfrage  nach  einem  Objekte  steigt,
d.  h.  wenn  dasselbe  in  größerer  Menge  als  bisher  oder  von  mehr  Personen
oder  eifriger,  nachhaltiger,  auf  Grund  größerer  Zahlungs  f  ä  h  i  g  k  e  i  t  der  Begehrenden ­
  ic.  zum  entgeltlichen  Erwerbe  verlangt  wird,  dann  bei  vorherrschendem
Eigennutze  diejenigen,  welche  solche  Dinge  im  Handel  abzugeben  geneigt  sind,  mit
ihren  Preisforderungen  erfolgreich  in  die  Höhe  gehen  können,  und  das  umsomehr,
je  mehr  unter  den  Nachfragenden,  wie  infolge  ihres  Eigennutzes  regelmäßig  zu  erwarten ­
  ist,  ein  Mitw  erb  en  oder  eine  Konkurrenz,  d.  h.  das  wetteifernde
Bestreben  Platz  greift,  durch  Bewilligung  günstigerer  Kaufbedingungen  einander  im
Erwerbe  zuvorzukommen.  „So  steigt  der  Preis  vieler  schwarzer  Artikel  durch  unerwartete ­
  allgemeine  Landestrauer,  es  steigt  der  Preis  vieler  Arzneien  durch  die
Cholera,  der  Preis  von  Pulver,  Pferden  beim  Ausbruch  eines  Krieges,  der  Eisenpreis
infolge  des  Baus  vieler  Eisenbahnen  rc."  (Roscher).
Ebenso  zweifellos  ist  aber  auch,  daß,  wenn  das  Angebot  eines  Gegenstandes
steigt,  d.  h.  wenn  derselbe  in  größeren  Mengen,  von  größerer  Personenzahl  oder
eifriger,  nachhaltiger  rc.  als  bisher  zur  entgeltlichen  Annahme  ausgeboten  wird,
unter  übrigens  gleichen  Umständen  die  Gewinnaussichten  derjenigen  wachsen,  welche
den  Gegenstand  erwerben  möchten,  und  auch  das  wieder  umsomehr,  je  mehr
bei  dem  anderen  Teil,  hier  den  Anbietenden,  infolge  ihres  Eigennutzes,  ein  Mitwerben,
  d.  h.  in  diesem  Falle  das  wetteifernde  Bestreben  entsteht,  durch  Bewilligung ­
  günstigerer  Verkaufsbedingungen  einander  zuvorzukommen.
Und  endlich  muß  unter  übrigens  gleichen  Umständen  dasselbe,  was  in  Fällen
ersterer  Art  durch  das  Steigen  der  Nachfrage  bei  sich  gleichbleibenden  Angebotsverhältnissen ­
  herbeigeführt  wird,  im  allgemeinen  auch  durch  ein  Gleichbleiben
der  Nachfrageverhältnisse  bei  sinkendem  Angebot  erreicht  werden,  und  ebenso
in  Fällen  der  zweiten  Art  durch  ein  Gleichbleiben  der  Angebotsverhältnisse  bei
sinkender  Nachfrage  dasselbe,  was  dort  ein  Steigen  des  Angebots  bei  gleichbleibenden
Nachfrageverhältnissen  veranlaßt.
Bei  alledem  ist  aber  zu  beachten,  daß  jene  so  oft  wiederholte  Voraussetzung:
„unter  übrigens  gleichen  Umständen"  tatsächlich  sehr  selten  zutrifft,  da  Änderungen
in  einer  der  erwähnten  Beziehungen  fast  immer  auch  Wandelungen  in  dieser  oder
jener  anderen  Beziehung  zur  Folge  haben,  welche  die  erwähnten  Wirkungen  durchkreuzen. ­
  Und  deshalb  ist  auch  von  jenen  Änderungen  nur  zu  sagen,  daß  sie  die
Tendenz  haben,  in  gewissen  Richtungen  Preisänderungen  nach  sich  zu  ziehen.
Namentlich  aber  hat  man  sich  vor  den  Annahmen  zu  hüten,  daß  der  Preis  in  die  Höhe
gehe,  wenn  die  Nachfrage  „größer"  sei  als  das  Angebot,  sinke,  wenn  letzteres  die
Nachfrage  „überwiege"  usw.
Entweder  bezieht  man  hierbei  nämlich  die  Worte  Angebot  und  Nachfrage  ausschließlich ­
  auf  die  gewünschten  und  resp.  angebotenen  Mengen.  Dann  sind  jene
Aussprüche  Muster  von  Einseitigkeit,  die  besonderer  Erklärung  bedürfen.
Denn  in  der  Tat  lehrt  die  Erfahrung  täglich,  daß  auch  „bei  gleichen  Q  u  a  n  t  i  t  ä  t  s  -
Verhältnissen"  eine  Vergrößerung  z.  B.  der  Intensität  der  Nachfrage  oder  der
Zahlungsfähigkeit  der  Nachfragenden  die  Preise  in  die  Höhe  treibt.
Oder  man  denkt  bei  jenem  Wort,  wie  es  unter  Einsichtigeren  Regel  ist,  auch  an  die
erwähnten  anderen  Momente:  die  Zahl  und  Zahlungsfähigkeit  der  Nachfragenden,
den  Grad  und  die  Nachhaltigkeit  ihres  Verlangens,  die  Zahl  der  Anbietenden,  den
Eifer  und  die  Nachhaltigkeit  des  Angebots  rc.  Dann  schließen  jene  Behauptungen
einen  logischen  Fehler  in  sich.  Denn  vermag  man  sichs  denn  wirklich  vorzu-
            
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