Full text : Volkswirtschaftliches Quellenbuch

2.  Weltwirtschaft  und  soziale  Not.

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schlossenen  Hauswirtschaft",  der  „Dorfwirtschaft",  der  „Stadtwirtschast",  der  „Territorialwirtschaft", ­
  der  „Volkswirtschaft"  und  der  „Weltwirtschaft".*)
Die  Stufe  der  Weltwirtschaft  ist  die  letzte  in  dieser  Entwicklungsreihe.
Nur  die  moderne  Kulturwelt  hat  die  höchste  Stufe  erreicht.  Andere  Gruppen  der
Menschheit  sind  auf  niederen  Wirtschaftsstufen  stehen  geblieben.  Es  wird  zwar  kaum
eine  Völkerschaft  geben,  die  vom  Weltverkehr  ganz  unberührt  geblieben  wäre;  aber
in  vielen  Gegenden  der  Erde  tragen  doch  die  wirtschaftlichen  Verhältnisse  noch  so
vorwiegend  die  Merkmale  haus-,  darf-,  ftadt-  oder  volkswirtschaftlicher  Organisation,
daß  bei  ihnen  die  weltwirtschaftliche  Betrachtungsweise  nicht  am  Platze  wäre.  Umgekehrt ­
  ist  es  in  den  modernen  Industrie-  und  Handelsstaaten.  Enthalten  sie  auch
noch  zahlreiche  zum  Teil  erhebliche  Reste  aus  früheren  Wirtschaftsstufen,  besteht  auch
in  ihnen  noch  eine  Fülle  lokaler  und  nationaler  Eigentümlichkeiten,  wird  auch  in
ihnen  der  größte  Teil  ihrer  Produkte  noch  selbst  konsumiert  und  der  größte  Teil
der  Konsunmrtikel  noch  selbst  hergestellt,  so  sind  sie  doch  schon  so  eng  in  die  Weltwirtschaft ­
  verflochten,  daß  alle  ihre  wirtschaftlichen  Verhältnisse  nur  vom  weltwirtschaftlichen ­
  Standpunkte  verstanden  und  beurteilt  werden  können.

2.  Weltwirtschaft  und  soziale  Not.
Von  Lujo  Brentano.
Brentano,  Über  die  Ursachen  der  heutigen  sozialen  Not.  Vortrag.  Leipzig,
Duncker  &  Humblot,  1889.  S.  14—17.
Das  mittelalterliche  Handwerk  produzierte  in  erster  Linie  für  den  lokalen  Markt.
Dieser  war  nach  der  Natur  der  damaligen  Verkehrs-  und  Rechtsverhältnisse  geschützt
und  leicht  zu  übersehen.  Da,  wo  das  Gewerbe  am  blühendsten  war,  produzierte  das
Handwerk  allerdings  auch  für  den  Absatz  nach  außen,  und  gerade  dieser  war  die
Grundlage  seiner  Blüte.  Dieser  Absatz  beruhte  wesentlich  auf  Privilegien,  welche
den  Bürgern  der  betreffenden  Städte  von  fremden  Fürsten  erteilt  waren.  Namentlich
die  englischen  Könige  hatten  den  deutschen  Kaufleuten  solche  Privilegien  erteilt.  Auch
hier  also  ein  gesicherter  Absatzmarkt,  der  bei  der  geringen  gewerblichen  Fertigkeit  der
Einheimischen  nicht  einmal  von  deren  Konkurrenz  etwas  zu  besorgen  hatte.
Was  war  die  Folge?  Der  mittelalterliche  Kaufmann  konnte  Monopolpreise
für  seine  Ware  fordern.  War  diese  gut,  so  konnte  er  Preise  erzielen,  welche  seine
Beschaffungskosten  weit  überstiegen.  Damit  konnte  er  auch  dem  Handwerksmeister
hohe  Preise  gewähren,  und  dieser  konnte  demnach  alle  Verteuerungen  der  Produktion,
wie  sie  die  zünftige  Art  des  Gewerbbetriebs  mit  sich  brachte,  ruhig  ertragen.
Ganz  anders,  als  der  moderne  Staat  aufkam  und  zur  Verwirklichung  seiner
Zwecke  das  sog.  Merkantilsystem  zur  Durchführung  brachte.
Erstes  Streben  war  nun,  den  gesamten  heimischen  Bedarf  im  Inland  zu  erzeugen. ­
  Daher  wurden  alle  den  fremden  Händlern  erteilten  Privilegien  widerrufen.
Das  zweite  Streben  ging  dahin,  möglichst  viel  Produkte  selbst  an  das  Ausland  abzusetzen. ­
  Daher  statt  des  bisherigen  durch  Herkommen  und  Privilegien  geregelten
Verkaufs  auf  geschützten  Märkten  der  Beginn  einer  erbitterten  Konkurrenz  auf  dem
Weltmarkt.  Um  aus  diesem  Wettkampf  als  Sieger  hervorzugehen,  war  unerläßlich
das  Streben  nach  möglichst  billigen  Produktionskosten  und  nach  Massenproduktion,
ferner  unerläßlich  die  Minderung  des  Risikos  infolge  von  Krisen,  wie  sie  die  Ver-*)

  s.  oben  Bücher  S.  38—40.  —  G.  M.
            
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