480 Vierter Teil. Weltwirtschaft und Handelspolitik. III. Sonstige Kernfragen.
nehmsten und reichsten Leute sich ihren Salon mit amerikanischen Schaukelstühlen
und chinesischen vergoldeten Tischchen ausschmücken, dazu mit glänzend geschmacklosen
französischen Kupferstichen und mit türkischen Teppichen, darein eine Koranstelle gewebt
ist, welche jedoch weder sie selbst noch ihre Gäste lesen können! Welch innern
Zusammenhang hat denn ein solches Raritätenkabinet mit seinem Besitzer? Der
echte Stockbauer, welcher sagt und singt, daß es gut steht im deutschen Lande, wo
man noch trägt eigen Gewand, wo man noch singt eigenen Sang und noch trinkt
eigenen Trank, zeigt wahrlich mehr Takt und naive Bildung als solche sogenannt gebildeten
Leute.
Denn die persönliche Macht einer Nation wurzelt darin, daß sie in allen Dingen
und also auch in Schmuck und Sitte des täglichen Lebens sich eigenartig und persönlich
weiter bilde, das beste Fremde in sich aufnehmend und sich verdeutschend,
nicht aber es schlechtweg nachäffend; und ein Volk, welches die Moden eines anderen
beherrscht, besitzt bereits den ersten Schlüssel zur Herrschaft über den gesamten Geist
dieses Volkes. Die Ehre, bloß quantitativ in der Masse der Gewerbserzeugnisse und
dem daraus quellenden Volksreichtum den Nachbarn zu übertreffen, ist nicht groß,
wenn wir uns qualitativ, wenn wir uns im Geiste der Arbeit von demselben
meistern und gängeln lassen.
3. Freihandel und Schutzzoll in. Lichte der Geschichte^
Von Gustav v. Schmoller.
Schm oller. Der Übergang Deutschlands zum Schutzzollsystem. Rede. In: Zur Sozialund
Gewerbepolitik der Gegenwart. Reden und Aufsätze. Leipzig, Duncker & chumblot, 1890.
S. 168—170.
Von den ältesten Völker- und Stammesbeziehungen bis herab zur Gegenwart
mit ihrem internationalen Recht und ihren Meistbegünstigungsklauseln scheint es eine
ununterbrochene Kette des Fortschritts, daß man erst den Fremden nicht mehr totschlägt,
dann ihn nicht mehr zum Sklaven macht, dann ihn erst zu schlechterem Recht
im Verkehr zuläßt, aber friedlich mit ihm zu tauschen beginnt und zuletzt ihn und seine
Waren nach allen Seiten als gleichberechtigt anerkennt: das ist die eine Seite der
volkswirtschaftlichen Geschichte, die der bewundernde Freihändler allein kennt. Aber
daneben steht die andere Seite, die er immer wieder übersieht, steht die ebenso sichere
Tatsache, daß dieser Fortschritt sich nur vollzogen hat durch zahllose Kämpfe hindurch,
in denen nur d i e Stämme, d i e Völker, d i e Nationen obenankommen, die auch auf
volkswirtschaftlichem Gebiete sich als eine solidarische Einheit nach außen fühlten, sich
auch auf diesem Gebiete durch einen zähen, energischen, unerbittlichen nationalen
Egoismus leiten ließen. Die Phöniker und Ägypter, die Griechen und die italienischen
Handelsstaaten des Mittelalters haben so gehandelt, sie waren zähe, verschlagene konsequente
Schutzzöllner und Merkantilisten, wie es die sämtlichen großen Nationalstaaten
Europas vom 16. bis ins 19. Jahrhundert waren, wie es die Amerikaner und
englischen Kolonisten jetzt wieder sind. Alle haben die Benachteiligung der fremden
Personen und Händler wie der fremden Waren als ein Kampfmittel gegen andere
Völker, gegen schwächere und stärkere gebraucht; sie haben es oft mißbraucht; sie
haben, wenn sie es zu einseitig brauchten, zu sehr die fremde Konkurrenz abschlössen,
sich selbst damit geschadet, unter Umständen sich sogar zugrunde gerichtet, — wie die
Venetianer und die Spanier. Aber zugleich sehen wir, daß die Völker und Staaten,
je größer und mächtiger sie wurden, desto mehr zeitweise des Abschlusses in sich, der
schroffen Haltung auch in handelspolitischer Beziehung nach außen bedurften. Jedenfalls
zeigt uns das freihändlerische Volk der Briten noch heute ein solches Übermaß