3. Freihandel und Schutzzoll im Lichte der Geschichte.
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des eifersüchtigen, nationalwirtschaftlichen Egoismus, daß wir Deutsche wie welt-
bürgerlich unpraktische Schwärmer daneben stehen.
Der sichere, der wahre Fortschritt war jederzeit da, wo man es verstand, im
rechten Moment und an der rechten Stelle freihändlerisch und dann wieder schutz-
zöllnerisch zu sein, wo man möglichst wenig diese gleich naturnotwendigen Strebungen
zu einem alles beherrschenden, unerbittlichen System aufbauschte, wo man sich bewußt
blieb, daß der Fortschritt im Handel und in der internationalen Teilung der Arbeit
ebenso notwendig sei als der nationale Zusammenschluß der Volkswirtschaft, die
nationale Teilung der Arbeit und der nationale Egoismus, die geschickte Benutzung
jedes berechtigten Mittels im großen Kampfe der wirtschaftlichen Interessen der
Völker.
Daher sehen wir bei den Engländern, den Franzosen, den Nordamerikanern,
vor allem aber im Zollverein selbst, den zeitweisen Wechsel der Zollsysteme jedesmal
von den Doktrinären und der entgegengesetzten Interessengruppe aufs tiefste beklagt,
in Wahrheit aber — wo der Wechsel im rechten Moment und im rechten Maß eintrat
— segensvoll wirkend.
Gewiß kann der Wechsel zu oft und zu schroff erfolgen, wie uns das die nord
amerikanische Tarifgeschichte zeigt. Aber beweist die Tatsache, daß heute in so vielen
europäischen Staaten sich liberale und konservative Ministerien zu oft und zu schroff
ablösen, etwas gegen den Satz, daß ein solcher Wechsel für die Regierung eines freien
Volkes heilsam und notwendig sei? Sehen wir nicht auf allen sozialen und politischen
Gebieten einen ähnlichen Wechsel der herrschenden Strömungen, auf dem kirchlichen
und militärischen Gebiet, auf dem Gebiet der Schule, der Selbstverwaltung, des Be
amtenwesens, und ist all das nicht die notwendige Folge davon, daß überall gleich
berechtigte Interessen, entgegengesetzte und doch notwendig zusammengehörige Pole
derselben Achse nacheinander die Führung übernehmen müssen, daß nur aus der
geistigen Reibung zwei sich bekämpfender, abwechselungsweise die öffentliche Meinung
für sich gewinnender Jdeenkreise die richtige Lenkung des Staatsschiffes oder des
volkswirtschaftlichen Schiffes durch ganz verschiedene Zeiten und Sachlagen hindurch
hervorgehen kann? Liegt dieser Wechsel nicht im innersten psychologischen Wesen des
menschlichen Denkens und Fühlens, und beweist es nicht eine nahezu kindliche, jeder
Geschäftskenntnis bare Naivetät, bei irgendeinem liberalen oder konservativen, frei
händlerischen oder schutzzöllnerischen Sieg sich einzubilden, jetzt sei die letzte Entschei
dung nach dieser Seite hin gefallen, niemals mehr werde eine Umkehr erfolgen, keine
künftige Regierung oder Volksvertretung werde oder dürfe von dieser Linie mehr
abweichen?
Warum aber ist ein solcher Wechsel speziell auf dem Gebiete der Handelspolitik
nötig, warum hat er sich überall mit gleicher Konsequenz wiederholt, bei den Völkern
mit im ganzen strengerem, wie bei denen mit liberalerem Tarif? Die Antwort ist ein
fach: Die Volkswirtschaft unserer heutigen Kulturstaaten arbeitet für zwei Märkte, für
den innern und den äußern; sie ruht auf zwei Systemen der Arbeitsteilung, dem
System der nationalen Arbeitsteilung und dem der internationalen; sie hat zwei Auf
gaben: für die Gegenwart im Moment möglichst billig und gut das Volk mit den
Waren zu versorgen, die es braucht, und daneben für die Zukunft die volkswirtschaft
liche Organisation möglichst vollendet und harmonisch einzurichten, produktive Kräfte
zu erziehen, die technischen und sonstigen Eigenschaften der Unternehmer und Arbeiter
auf ein höheres Niveau zu erheben, wenn auch dadurch zeitweise einzelne Produkte
verteuert werden.
Diese Ziele lassen sich nicht jederzeit zusammen erreichen; man muß zeitweise
mehr auf das eine verzichten, wenn man auf das andere den größeren Wert legt;
man muß zeitweise die auswärtige Konkurrenz verstärken, zeitweise aber auch wieder
Mollat, Volkswirtschaftliches Luellenbuch. 4. Aufl. Zf