Full text: Volkswirtschaftliches Quellenbuch

3. Freihandel und Schutzzoll im Lichte der Geschichte. 
461 
des eifersüchtigen, nationalwirtschaftlichen Egoismus, daß wir Deutsche wie welt- 
bürgerlich unpraktische Schwärmer daneben stehen. 
Der sichere, der wahre Fortschritt war jederzeit da, wo man es verstand, im 
rechten Moment und an der rechten Stelle freihändlerisch und dann wieder schutz- 
zöllnerisch zu sein, wo man möglichst wenig diese gleich naturnotwendigen Strebungen 
zu einem alles beherrschenden, unerbittlichen System aufbauschte, wo man sich bewußt 
blieb, daß der Fortschritt im Handel und in der internationalen Teilung der Arbeit 
ebenso notwendig sei als der nationale Zusammenschluß der Volkswirtschaft, die 
nationale Teilung der Arbeit und der nationale Egoismus, die geschickte Benutzung 
jedes berechtigten Mittels im großen Kampfe der wirtschaftlichen Interessen der 
Völker. 
Daher sehen wir bei den Engländern, den Franzosen, den Nordamerikanern, 
vor allem aber im Zollverein selbst, den zeitweisen Wechsel der Zollsysteme jedesmal 
von den Doktrinären und der entgegengesetzten Interessengruppe aufs tiefste beklagt, 
in Wahrheit aber — wo der Wechsel im rechten Moment und im rechten Maß eintrat 
— segensvoll wirkend. 
Gewiß kann der Wechsel zu oft und zu schroff erfolgen, wie uns das die nord 
amerikanische Tarifgeschichte zeigt. Aber beweist die Tatsache, daß heute in so vielen 
europäischen Staaten sich liberale und konservative Ministerien zu oft und zu schroff 
ablösen, etwas gegen den Satz, daß ein solcher Wechsel für die Regierung eines freien 
Volkes heilsam und notwendig sei? Sehen wir nicht auf allen sozialen und politischen 
Gebieten einen ähnlichen Wechsel der herrschenden Strömungen, auf dem kirchlichen 
und militärischen Gebiet, auf dem Gebiet der Schule, der Selbstverwaltung, des Be 
amtenwesens, und ist all das nicht die notwendige Folge davon, daß überall gleich 
berechtigte Interessen, entgegengesetzte und doch notwendig zusammengehörige Pole 
derselben Achse nacheinander die Führung übernehmen müssen, daß nur aus der 
geistigen Reibung zwei sich bekämpfender, abwechselungsweise die öffentliche Meinung 
für sich gewinnender Jdeenkreise die richtige Lenkung des Staatsschiffes oder des 
volkswirtschaftlichen Schiffes durch ganz verschiedene Zeiten und Sachlagen hindurch 
hervorgehen kann? Liegt dieser Wechsel nicht im innersten psychologischen Wesen des 
menschlichen Denkens und Fühlens, und beweist es nicht eine nahezu kindliche, jeder 
Geschäftskenntnis bare Naivetät, bei irgendeinem liberalen oder konservativen, frei 
händlerischen oder schutzzöllnerischen Sieg sich einzubilden, jetzt sei die letzte Entschei 
dung nach dieser Seite hin gefallen, niemals mehr werde eine Umkehr erfolgen, keine 
künftige Regierung oder Volksvertretung werde oder dürfe von dieser Linie mehr 
abweichen? 
Warum aber ist ein solcher Wechsel speziell auf dem Gebiete der Handelspolitik 
nötig, warum hat er sich überall mit gleicher Konsequenz wiederholt, bei den Völkern 
mit im ganzen strengerem, wie bei denen mit liberalerem Tarif? Die Antwort ist ein 
fach: Die Volkswirtschaft unserer heutigen Kulturstaaten arbeitet für zwei Märkte, für 
den innern und den äußern; sie ruht auf zwei Systemen der Arbeitsteilung, dem 
System der nationalen Arbeitsteilung und dem der internationalen; sie hat zwei Auf 
gaben: für die Gegenwart im Moment möglichst billig und gut das Volk mit den 
Waren zu versorgen, die es braucht, und daneben für die Zukunft die volkswirtschaft 
liche Organisation möglichst vollendet und harmonisch einzurichten, produktive Kräfte 
zu erziehen, die technischen und sonstigen Eigenschaften der Unternehmer und Arbeiter 
auf ein höheres Niveau zu erheben, wenn auch dadurch zeitweise einzelne Produkte 
verteuert werden. 
Diese Ziele lassen sich nicht jederzeit zusammen erreichen; man muß zeitweise 
mehr auf das eine verzichten, wenn man auf das andere den größeren Wert legt; 
man muß zeitweise die auswärtige Konkurrenz verstärken, zeitweise aber auch wieder 
Mollat, Volkswirtschaftliches Luellenbuch. 4. Aufl. Zf
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.