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auf diesem Gebiete Amerika als das nachahmenswerte Vorbild hingestellt wird, so
zeigt es doch auch hier vielleicht noch mehr Nachteile als Vorteile in ungehemmter
und daher üppiger Entfaltung und bewährt sich damit auch hier als Musterland für
die Erkenntnis wirtschaftlicher Tendenzen und Probleme.
Der amerikanische Getreidehandel trägt gegenwärtig den ausgeprägten Charakter
eines Übergangszeitalters mit einem janusartig vor- und rückwärts gewandten Ge
sicht. Zunächst ragt die Vergangenheit in die Gegenwart hinein; denn trotz der ver
änderten Handels- und Transporttechnik, trotz mancherlei gesetzlicher Verbote wird
mit dem Lagerhausgeschäft regelmäßig das Getreidevermittlungsgeschäft verbunden.
Dadurch, daß die fremden, unter Aufgabe der Identität eingelagerten Getreidemengen
neben dem eigenen Vorrat den Spekulationen des Lagerhausbesitzers dienstbar ge
macht werden können, gewinnt dieser einen ebenso großen Vorsprung vor dem keine
eigenen Lagerräume besitzenden Getreidehändler, wie der fremde Einlagerer dadurch,
daß nicht neutraltechnische Gesichtspunkte, sondern kaufmännische Berechnungen für
die Behandlung des Getreides maßgebend sind, benachteiligt wird. Das führt schließ
lich jedoch zu einem Widerspruch in sich selbst. Denn die Verschiebung des Gleich
gewichts zwischen beiden Gruppen im Getreidehandel entwickelt notwendig eine
wachsende Tendenz auf Monopolisierung des effektiven Getreidehandels in der Hand
der Lagerhausgesellschaften und führt so zur Negierung der Grundlagen dieser ganzen
Entwicklung, der arbeitsteiligen Differenzierung und des Fungibilitätsprinzipes.
Ebenso wie im Prinzip Überwundenes, gestützt durch privatwirtschaftlichen
Egoismus, wieder auflebt, ebenso wird in entgegengesetzter Richtung über das Ziel
hinausgeschossen und die der Zukunft zugewandte Entwicklungstendenz verkannt und
übertrieben. Die Trennung des eigentlichen Getreidehandels von der technischen
Warenfürsorge führt leicht zu einer Verkennung der Bedeutung und Eigenart des
Getreidehandels: losgelöst vom eigentlichen Substrat seiner Tätigkeit, im Erfolge nicht
mehr abhängig von eingehender Warenkenntnis, erscheint er leicht auch losgelöst von
jedem Berufskönnen und Berufswissen. Die Skrupellosen und Unternehmungs
lustigen glauben daher ihrerseits sich an dem Gewinn des Getreidehandels beteiligen
zu sollen, die Vorsichtigen und Arbeitsamen halten sich für berechtigt, über den ganzen
Kreis der Getreidehändler als über eine Schar gewinnsüchtiger Nichtstuer den Stab
zu brechen. Dieselbe Ansicht führt so zu den größten Ausschreitungen des spekulativen
Getreidehandels, wie zur unberechtigten radikalen Opposition gegen die Getreidebörse.
Das dritte Hauptglied im Getreidehandel neben Börse und Lagerhaus, das
Transportwesen, zeigt ebenfalls diesen unsicheren Charakter des Übergangsstadiums,
indem insbesondere die Eisenbahngesellschaften sich noch regelmäßig weigern, die not
wendige Delegation der Warenfürsorge für die Dauer des Transports rechtlich anzu
erkennen.
10. Chamber ol Commerce und Board ol Trade.
Von Ignaz Iastrow.
Iastrow, Bericht über eine volkswirtschaftliche Studienreise durch Nordamerika. slS.Iuli
bis 24. Oktober 1904 j In: Berliner Jahrbuch für Handel und Industrie. Bericht der Ältesten
der Kaufmannschaft von Berlin. Jahrgang 1904. Bd.I. Berlin, Georg Reimer, 1903. S. 464—465.
Der historisch reinste Begriff der Chamber ok Commerce hat sich in New
Bork erhalten. Die 1768 begründete dortige Handelskammer hält daran fest, daß sie
nicht die Interessen ihrer Mitglieder, auch nicht die Interessen der Stadt, sondern die