178
Die gegenwärtige Lage der liberalen Schule
Kampfe ums Dasein ausgesetzt wird. Das treibt es zur Anspannung
aller seiner Kräfte und in einem gegebenen Momente
zum Zusammenschluß der Konkurrenten. Die religiöse Erziehung
benützt die Herrschaft, welche die religiösen Gefühle über die
menschliche Vernunft ausüben, um die ursprünglichen Naturtriebe
einzudämmen und zu mäßigen und sie durch Achtung
vor der Autorität, durch Heilighaltung der Gerechtigkeit und durch
Unterwerfung unter das christliche Gesetz der Liebe zu ersetzen.
Die philosophische Erziehung gibt der Persönlichkeit des Menschen
ihre volle Entfaltung, indem sie seinem Geiste wissenschaftliche
und ästhetische Bildung zuführt und ihn lehrt, fest
und intelligent zu wollen 1 ).
Der Individualismus ist weit entfernt, sich mit dem Egoismus
zu identifizieren. Im Gegenteil, er erkennt die soziale Solidarität
als eine grundlegende Tatsache an. Nicht durch freiwillige
Absonderung eines Individuums, das an seinesgleichen
kein Interesse nimmt, wird jenes zu seiner vollen Entwicklung
gelangen, sondern nur durch das Leben in Gesellschaft,
in welchem der einzelne ohne Mitwirkung der anderen nichts
vermag und nichts ist. Die Gesellschaft ist nicht eine überlegte,
rationelle Schöpfung des Individuums, welche dieses nach
Gutdünken modifizieren kann, sondern das Werk unserer dauernden
Instinkte als gesellschaftliche Wesen. Diese Instinkte sind
psychologischen Gesetzen unterworfen, wie die Erscheinungen
der äußeren Welt physischen Gesetzen unterworfen sind. Der
Individualismus betrachtet die wirtschaftlichen Erscheinungen
als Naturgesetzen unterworfen, welche unsere Vernunft zu erkennen
vermag, die aber allen willkürlichen Abänderungen
unseres Willens sich entziehen 2 ;. Somit trennt der wirtschaftliche
Individualismus die Wirtschaftsordnung von der ethischen,
das Sein vom Seinsollen, und schließt die radikale und unmittelbare
Umformung des Individuums und der Gesellschaft aus.
Auf Grund von Introspektion, Beobachtung, Experimentierung,
Individual- und Kollektivpsychologie, Geschichte, Logik,
') ibid. p. 560 ff.
2 ) „Die .Naturgesetze der Volkswirtschaft sind regelmäßige Aufeinanderfolgen
von Erscheinungen, welche die äußeren Bedingungen ausdrücken, die
unsere Tätigkeit begrenzen, bestimmen und regeln.“ ibid. p. 563.