Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Ü30

Die  Gründer  der  heutigen  Schulen

Erbteilung  und  Anerbensitte  (als  Betätigung  der  Testierfreiheit),
stellt  Le  Play  eine  dreigliedrige  Klassifizierung  der  Familien
auf  in  :  patriarchalische,  unbeständige  und  Stammfamilien.
Die  patriarchalische  Familie  gruppiert  verheiratete  und  unverheiratete ­
  Abkömmlinge  eines  gemeinsamen  Stammvaters  um
denselben  Herd  und  unter  dessen  absolute  Autorität.  Das
Patrimonium  ist  Gemeineigentum  der  Familie.  Diese  Art  besteht
noch  bei  den  Nomaden  Zentralasiens  und  des  Atlas,  in  Südrußland ­
  und  bei  den  Slawen  des  Balkans,  doch  ist  sie  in  der
Auflösung  begriffen.  Ein  bedeutsamer  Nachteil  derselben  ist,
daß  sie  bei  der  Güterverteilung  der  Verschiedenheit  der  Fähigkeiten ­
  und  der  Arbeitsleistung  ihrer  Mitglieder  nicht  Rechnung
trägt,  und  darum  Trägheit,  Mittelmäßigkeit,  Mangel  an  Initiative
und  kulturelle  Stagnation  fördert 1 ).
Ein  Gegenstück  dazu  bietet  die  unbeständige  Familie  (famille
instable).  Sie  entsteht  mit  der  Ehe  eines  Paares  und  vergeht
mit  dessen  Tod.  Der  Familienherd  überlebt  selten  eine  Generation. ­
  Die  väterliche  Autorität  ist  sehr  gering  in  ihr.  Sie  ist
das  Resultat  der  zwangsweisen  gleichen  Erbteilung,  deren  Nachteile ­
  ihr  anhaften 2 ).  Folgen  derselben  sind  :  Mangel  an  Initiative
und  Überwiegen  des  Geistes  der  Neuerung  bei  den  Kindern,
Unbeständigkeit  der  politischen  Einrichtungen  der  Nation,  Anämie ­
  der  Rasse  usw.
Als  idealer  Typus  erweist  sich  dagegen  die  Stammfamilie
(famille-souche).  Sie  beruht  auf  der  Anerbensitte.  Der  Anerbe
bleibt  bei  den  Eltern  am  Familienherde,  der  die  Jahrhunderte
überdauert;  allenfalls  bleiben  auch  die  unverheirateten  Geschwister ­
  einer  jeden  Generation.  Diejenigen  aber,  welche  heiraten ­
  ,  wandern  aus  und  gründen  neue  Herde.  Sie  erhalten
Ausstattungen  aus  den  Ersparnissen  des  Stammherdes.  Die
Vorzüge,  welche  Le  Play  an  der  Stammfamilie  zu  rühmen
weiß,  sind  schier  unzählbar.  Es  seien  nur  einige  der  hervorstechendsten ­
  angeführt  :  die  Stammfamilie  verbindet  in  der
glücklichsten  Weise  die  Stabilität  und  die  Erhaltung  der  Überlieferungen ­
  mit  der  Berücksichtigung  der  Anforderungen  des
Fortschritts.  Sie  erhält  ihren  Herd,  ihr  Familiengut,  ihre  relib
  Le  Play,  Réforme  Sociale,  Bd.  I,  1.  Ausi.,  §  24,  p.  168  und  Methode
Sociale,  p.  457.
2)  Le  Play,  Réforme  Sociale,  ibid.  p.  169  und  Méthode  Sociale,  ibid.
            
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