Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

290  Die  katholischen  und  verwandten  Schulen  in  der  Gegenwart

Dieses  Hervorheben  der  Analogie  der  Sozial  Wissenschaft
mit  den  Naturwissenschaften  wurde  von  Le  Play  später  im
Hintergründe  gelassen.  De  Tourville  dagegen  knüpft  gerade
daran  an;  ihm  und  Demo  lins  ist  es  darum  zu  tun,  die  Sozialwissenschaft ­
  in  möglichst  engem  Anschluß  an  die  Naturwissenschaften ­
  zu  entwickeln.  Ja  für  sie  wird  die  Sozialwissenschaft ­
  geradezu  zu  einer,  wir  möchten  sagen,  exakten
Naturwissenschaft.  „Damit  es  eine  Sozialwissenschaft  gebe,“
schreibt  Demo  lins,  „müssen  die  sozialen  Erscheinungen  notwendig ­
  infolge  der  Natur  der  Dinge  aufeinander  einwirken,
sich  reperkutieren,  und  zwar  unabhängig  vom  menschlichen
Willen“  i).  Dadurch  wird  der  freie  Wille  des  Menschen  keineswegs ­
  ausgeschaltet.  Seine  Rolle  im  sozialen  Leben  ist  genau
dieselbe,  wie  dort,  wo  er  sich  die  Naturgesetze  des  Dampfes  oder
der  Elektrizität  nutzbar  macht  :  „Der  Mensch  bedient  sich  der
Gesetze,  die  Gott  geschaffen  hat,  für  seine  Zwecke:  das  ist  das
Geheimnis  der  Verbindung  der  menschlichen  Freiheit  mit  der
bestehenden  Ordnung“  2 ).
Unter  Zugrundelegung  dieses  prinzipiellen  Gesichtspunktes
geht  Henri  de  Tourville  daran,  die  Methode  Le  Plays  zu
zergliedern  und  in  umfassender  Weise  umzugestalten.  Er  unterscheidet ­
  drei  Phasen  in  dem  induktiven  Verfahren  des  Meisters  :
1.  die  methodische  Analyse,  2.  die  vergleichende  Beobachtung,
3.  die  wissenschaftliche  Klassifikation 3 ).
Die  methodische  Analyse  hat  die  Arbeiterfamilie,  als  die  elementarste ­
  Form  der  eine  menschliche  Gesellschaft  ausmachenden
Zellen,  zum  Gegenstand.  Wie  nun  die  Naturwissenschaften  ihre
Gesetze  nur  aus  der  Beobachtung  von  gesunden,  normalen
9  Demolins,  Répertoire  des  Répercussions  sociales  (posthum)  fascio.  41
und  42  der  Science  Sociale,  Neue  Folge,  Nov.—Dez.  1907,  p.  32.
-)  H.  de  TourviUe,  La  Science  sociale  est-elle  une  Science  ?  Erster  Artikel
in:  La  Science  sociale.  Bd.  I,  1886,  p.  12.  Wenn  de  Tourville  hier  von  „bestehender ­
  Ordnung“  (ordre  établi)  spricht,  so  hat  das  seinen  Grund  darin,  daß
nach  der  Lehre  der  Science  Sociale  jede  Sozialordnung  ihre  eigenen  Gesetze  hat:
„Wollt  ihr  in  der  Armee  Disziplin  oder  Zuchtlosigkeit?  Beide  haben  ihre  Gesetze.“ ­
  De  Tourville,  loc.  cit.  ebenda.  Vgl.  Demolins:  „Die  Voraussagungen
der  Science  sociale  setzen  die  Erhaltung  der  bestehenden  Sozialordnung  voraus.“
Demolins,  loc.  cit.  p.  25.
3 )  Henri  de  Tourville,  La  Science  sociale  est-elle  une  Science?  Drei  Artikel
in  der  Zeitschrift:  La  Science  Sociale,  Bd.  I  (1886),  p.  17  ff.
            
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