Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

Geschichtlicher  Überblick  17

College  de  France.  Beide  Lehrstühle,  deren  erster  Inhaber  er
war,  blieben  bis  heute  im  Besitze  der  liberalen  Schule.
Unter  den  Zeitgenossen  und  unmittelbaren  Nachfolgern
J.  B.  Says  haben  für  die  Entwicklung  der  liberalen  Schule  Bedeutung ­
  erlangt  :  P.  Possi  und  Ch.  Dunoger x ).
Pellegrino  Rossi  (1787—1848)  war  ein  geborener  Italiener
(aus  Carrara)  und  von  Haus  aus  Jurist.  Er  hatte  seit  14  Jahren
nationalökonomische  Vorlesungen  an  der  Akademie  in  Genf  abgehalten, ­
  als  er  auf  den  durch  den  Tod  J.  B.  Says  erledigten
Lehrstuhl  für  Nationalökonomie  am  Collège  de  France  berufen
wurde 2 ).  Rossi  führte  die  Lehren  Ricardos  und  dessen  abstrakte ­
  Methodik  in  Frankreich  ein.  Für  Say  war  die  Nationalökonomie ­
  eine  Naturwissenschaft,  für  Rossi  ist  sie  eine
„Humanitätswissenschaft“ 3 ).  Als  Schüler  Ricardos  stellt  er
sich  in  entschiedenen  Gegensatz  zu  der  Anschauung  der  französischen ­
  liberalen  Schule,  welche  die  Volkswirtschaftslehre  als
eine  empirische  Wissenschaft  anspricht  und  lehrt:  „Sie  offenbart
Wahrheiten  sui  generis  .  .  .  welche  an  allen  Orten  und
zu  allen  Zeiten  wahr  sind.  Daraus  schließe  ich  (Rossi)  kühn,
daß  die  politische  Ökonomie,  insofern  sie  einen  allgemeinen
und  unveränderlichen  Charakter  hat,  eher  eine  Wissenschaft

b  Es  ist  vielleicht  nicht  ohne  Interesse,  darauf  hinzuweisen,  daß  durch
den  zwar  orthodoxen,  aber  philantropischen  Tendenzen  huldigenden  Joseph  Droz
Sismondische  Ideen  in  den  Wissensschatz  der  liberalen  Volkswirte  eindrangen.
Diese  Ideen  gipfeln  in  den  allen  spätern  „économistes“  bekannten  Sätzen  Droz'  :
„Das  Glück  eines  Staates  hängt  weniger  ab  von  der  Menge  Güter,  welche  er
besitzt,  als  von  der  Art,  wie  sie  verteilt  sind,“  und:  „Die  Lektüre  gewisser
Autoren  erweckt  den  Glauben,  die  Güter  seien  nicht  da  für  die  Menschen,  sondern ­
  die  Menschen  für  die  Güter.“  Joseph  Droz,  Economie  Politique  ou  Principes ­
  de  la  Science  des  Richesses,  Lüttich  1834,  pp.  57—58  und  p.  59.
2 )  1818—1833  war  Rossi  fleissiger  Mitarbeiter  der  in  Genf  erscheinenden
Zeitschriften:  Bibliothèque  Universelle,  Revue  Française,  und  der  von  Sismondi,
Dumont  und  Beilot  gegründeten  und  geleiteten  Annales  de  législation  et  de  jurisprudence, ­
  welche  auf  Rossis  Betreiben  umgetauft  wurden  in  „Annales  de  législation ­
  et  d'économie  politique“.  Seine  Vorlesungen  am  Collège  de  France  sind  in
vier  Bänden  erschienen,  von  denen  die  beiden  ersten  von  ihm  selbst  1840—42
veröffentlicht  wurden,  die  beiden  letzten  posthum  1851—54  erschienen.  Die
beiden  ersten  behandeln  in  36  Vorlesungen  Fragen  der  Gütererzeugung  und  des
Verkehrs,  die  beiden  andern  Probleme  der  Güterverteilung.
8 )  P.  Rossi,  Cours  d’Economie  Politique,  Brüssel  1842.  Bd.  I.  2.  Vorlesung,
p.  226  I.
de  Waha,  Die  Nationalökonomie  in  Frankreich.

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