Full text : Die Nationalökonomie in Frankreich

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Die  Nationalökonomie  bei  den  Philosophen  und  Soziologen

Dies  trifft  z.  B.  zu,  wenn  in  einem  Betrieb  die  einzelnen  Funktionen ­
  derart  verteilt  sind,  daß  sie  die  Arbeiter  nicht  genügend
beschäftigen,  oder  daß  sie  schlecht  ineinander  greifen.
Nachdem  Durkheim  alle  Wirkungen  der  Arbeitsteilung,
die  sich  nicht  unter  den  Solidaritätsbegriff  bringen  lassen,  als
pathologische  ausgeschieden  hat,  geht  er  daran,  seine  auf  der
Arbeitsteilung  als  der  Quelle  der  organischen  Solidarität  fußende
Ethik  aufzubauen.
Es  wurde  oben  ausgeführt,  daß  der  mechanischen  Solidarität ­
  und  dem  Gesellschaftstypus,  den  sie  verwirklicht,  die
Vorschrift  entspricht,  welche  den  Individuen  gebietet,  ein  für
alle  gleiches  Ideal  zur  Richtschnur  ihres  Handelns  zu  nehmen.
Diese  Vorschrift,  meint  nun  Durkheim,  vermag  ihre  Aufgabe
nur  zu  erfüllen,  weil  sie  ethischen  Charakter  hat.  Andererseits
entspricht  der  organischen  Solidarität  und  dem  arbeitsteiligen
Gesellschaftstypus,  den  sie  verwirklicht,  jene  andere  Vorschrift,
welche  dem  Individuum  gebietet,  eine  bestimmte  berufliche  Tätigkeit ­
  zu  wählen  und  sich  ihr  ganz  zu  widmen.  Beide  Vorschriften
entsprechen  demselben  gesellschaftlichen  Bedürfnis,  befriedigen
es  aber  auf  verschiedene  Weise.  Aus  dem  ethischen  Charakter  der
einen  können  wir  den  ethischen  Charakter  der  anderen  induzieren.
Beide  ethische  Regeln  drücken  die  Bedingungen  der  Solidarität ­
  aus;  die  erste  jene  der  Solidarität,  die  aus  Ähnlichkeiten
folgt,  die  andere  jene  der  Solidarität,  die  aus  Unähnlichkeiten
d.  h.  Arbeitsteilung  sich  ergibt.  Man  kann  darum  sagen,  daß
es  das  charakteristische  Merkmal  der  ethischen  Regeln  ist,  die
grundlegenden  Bedingungen  der  gesellschaftlichen  Solidarität
auszudrücken.  Sittlich  ist  alles,  was  eine  Quelle  von  Solidarität
ist,  d.  h.  alles,  was  den  Menschen  dazu  zwingt,  auf  seinen
Nebenmenschen  zu  achten  und  seine  Handlungen  nach  andern
Beweggründen  und  Impulsen,  als  denen  seines  Egoismus  einzurichten. ­
  Die  Gesellschaft  ist  also  nicht,  wie  man  häufig  geglaubt
hat,  eine  der  Moral  fremde  Erscheinung;  sie  ist  die  notwendige
Vorbedingung  der  Ethik.  Sie  ist  nicht  eine  Nebeneinanderstellung
von  Individuen,  die  beim  Eintritt  eine  in  ihnen  liegende  Moral
mitbringen,  vielmehr  ist  der  Mensch  ein  sittliches  Wesen  nur
deshalb,  weil  er  in  Gesellschaft  lebt,  weil  die  Sittlichkeit  darin
besteht,  mit  einer  Gruppe  solidarisch  zu  sein  und  mit  dieser
Solidarität  wechselt.
            
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