Geleitwort.
Das vorliegende Buch faßt Arbeiten zusammen, die alle von dem Gedanken
getragen sind, die Zeit der freien Verkehrs Wirtschaft gehe zu Ende,
die Zeit der Verwaltungswirtschaft beginne, die Geld Wirtschaft
löse sich auf, um einer durchorganisierten Naturalwirtschaft Platz zu
machen. Die Arbeiten wurden gelegentlich gekürzt, um Wiederholungen zu
vermeiden. Außer kleinen stilistischen Glättungen und einigen Unterstrei
chungen wurden keine Änderungen vorgenommen. Die Gruppierung
erfolgte in der Weise, daß den Arbeiten über Kriegswirtschaft die über Ver
waltungswirtschaft und Naturalwirtschaft folgen, während die Erörterungen
über die Zukunftswirtschaft den Schluß bilden.
Aufgewachsen in der Gedankenwelt meines Vaters, war ich von früher
Jugend an von der Anschauung erfüllt, daß die überlieferte Wirtschaftsordnung
mit ihren Krisen, ihrem Elend grundsätzlich außerstande sei, die Menschen
zu beglücken. Ich wandte meine Aufmerksamkeit allen Entwicklungstendenzen
zu, welche eine neue Zeit anzukündigen schienen. Staatskartelle, Staätstrusts
und ähnliche Organisationen schienen mir aussichtsreiche Vorläufer der neuen
Zeit. Allem politischen Leben abhold, beschäftigte ich mich rein betrachtend
mit dem Möglichen und Zukünftigen, ohne selbst handelnd einzugreifen.
Diese Betrachtung des Kommenden führte mich zu der Ansicht, ein
Weltkrieg werde die Verwaltungswirtschaft der Zukunft heraufführen, da
er eine zentrale Beherrschung aller Kräfte und Stoffe im Interesse des Krieges
fördern werde. Von dieser Neuordnung der Dinge zu einer Verwaltungswirt
schaft im Interesse aller schien mir nur ein kleiner Schritt zu sein, der von der
politischen Macht abhängen werde. Mit Staunen und Schrecken sah ich, wie
die Menschheit sich dem Weltkriege näherte, ohne eine klare Vorstellung davon
zu haben, was ein jahrelanger Weltkrieg bedeute. Meine bis ins einzelne gehenden
Voraussagen blieben völlig unbeachtet.
Während die Weltkriegsorganisation in dem von mir erwarteten Sinne sich
entfaltete, versuchte ich die weitere Friedenszukunft vorauszusagen. Sie konnte
für mich nur eine Verwaltungswirtschaft unter wachsender Berücksichtigung des
Volksinteresses sein. Die Regierungen schienen von all dem wenig zu merken.
Die Sozialisierungsmaßnahmen Deutschlands waren lückenhaft und ziellos. Eine
Einladung des Münchener Arbeiterrates gab mir Gelegenheit — noch immer in
rein wissenschaftlicher Weise — klar zum Ausdruck zu bringen, daß die Zeit
für eine durchgreifende Sozialisierung reif sei, daß der Wirtschafts
plan den Reingewinn ersetzen könne.
Das Zaudern und Schwanken der zum Handeln Berufenen, der Rat meiner
Freunde und manche Zufälle veranlaßten mich, endlich nach langem Bedenken
das Leben der Beschaulichkeit abzuschließen und das der Tat zu beginnen, um
eine beglückende Verwaltungswirtschaft heraufführen zu helfen. Nach man
cherlei Zwischenfällen wurde ich als Präsident des Zentralwirt
schaftsamtes mit der Sozialisierung Bayerns betraut. Was ich bisher
als Zukunft ersehnte, kann ich nun selbst mitgestalten im Dienste eines* freien
Volkes, hoffentlich bald im Dienste einer freien Welt.
Im April 1919.
Neurath.