Full text : Durch die Kriegswirtschaft zur Naturalwirtschaft

neuer  Tätigkeit  anzuregen.^^)  Aber  damit  ist  nicht  gleichzeitig  die  andere,
gleichfalls  nicht  selten  auftretende  Tatsache  erklärt,  daß  schon  während  des
Krieges  ein  allgemeiner  wirtschaftlicher  Aufschwung  zu  beobachten  ist.35)  Manche
wollen  die  heilsamen  Wirkungen  des  Krieges  darauf  zurückführen,  daß  er  alles
Unbrauchbare  ausscheide  und  nur  das  Tüchtige  und  Konkurrenzfähige  in  Handel ­
  und  Industrie  bestehen  lasse.  Aber  die  Erklärung  ist  wohl  in  anderen
Umständen  zu  suchen,  und  zwar  in  einer  Erscheinung,  die  unsere  Wirtschaft
in  allen  ihren  Teilen  wesentlich  charakterisiert.  Wir  sind  infolge  unserer ­
  Einrichtungen,  insbesondere  jener  des  Geld-,  Kredit-  und  Marktwesens,
genötigt,  unsere  produktiven  Kräfte  mehr  oder  weniger  zurückzudrängen.  Kartelle ­
  bewirken  absichtlich,  daß  nicht  so  viel  produziert  wird,  als  von  der  Bevölkerung ­
  konsumiert  werden  könnte.  Selbst  die  Staaten  sind  bemüht,  eine  ausreichende ­
  Sättigung  mit  allen  Gütern  künstlich  zu  verhindern,  sei  es  durch
Schutzzölle,  sei  es  durch  Vernichtung  schon  produzierter  Güter.  .Anderseits
könnte  dies  Verfahren  jedoch  nicht  ohne  weiteres  eingestellt  werden,  da  die
unbehinderte  Produktion  sehr  oft  den  wirtschaftlichen  Untergang  der  produzierenden ­
  Unternehmungen  mit  sich  brächte.  Da  wir  so  absichtlich  vorhandene ­
  Menschen  und  Kräfte  nicht  voll  aus  nützen,  wohl  gar  vergeuden,
besitzen  wir  auch  jederzeit  ausreichende  Reservoire.  Treten
nun  Störungen  bestimmter  Art,  wie  z.  B.  im  Kriegsfall,  ein,  so  können  nicht
selten  die  stauenden  Wehren  beseitigt  werden  und  die  produktiven  Kräfte  werden
frei.  Es  kann  dabei  ein  Wohlstand  erzeugt  werden,  der  jenen  während  des
letzten  Friedens  weit  übertrifft.  Dies  hängt  damit  zusammen,  daß  für  viele
Kreise  der  Bevölkerung  eine  Zeit  der  Produktions  entwicklung  mehr  Vorteil
bringt  als  eine  solche  einer  stagnierenden,  wenn  auch  viel  stärker  entfalteten,
Produktion.  Dies  sind  z|um  Teil  die  Gründe,  weshalb  das  wirtschaftliche
Risiko  eines  Krieges  bei  unserer  humanen  Kriegführung  verhältnismäßig  gering
ist.  Der  wirtschaftliche  Untergang  infolge  eines  unglücklich ­
  geführten  Krieges  ist  schwer  möglich,  wenn  nient  der
Sieger  ein  anderes  Verfahren  anwendet,  als  in  den  letzten
Kriegen  üblich  war.  Wären  hingegen  bereits  in  Friedenszeiten ­
  alle  unsere  Kräfte  und  Mittel  in  Bewegung  gesetzt,
so  könnte  der  Krieg  weit  größere  Verwüstungen  anrichten.
Wenn  auch  dann  die  Wunden  bald  wieder  heilen  könnten,  so
würde  doch  nur  in  ganz  seltenen  Fällen,  und  zwar  bei  direkter ­
  Okkupation  fremden  Eigentums,  der  Krieg  große
wirtschaftliche  Vorteile  mit  sich  bringen,  nie  aber  würde
dann  während  des  Krieges  ein  Aufschwung  möglich  sein,
auch  würde  der  Sieger  in  dem  Fall  viel  öfter  schwer  geschädigt ­
  werden.  Jede  Reform  unseres  Wirtschaftslebens,
die  eine  volle  Entfaltung  aller  Kräfte  und  Fähigkeiten  ermöglicht, ­
  wäre  daher  im  Interesse  des  Weltfriedens;  ganz
abgesehen  von  dem  Jammer,  den  der  Krieg  verbreitet,
würden  dann  die  stark  verringerten  Realeinkommen  eine
mächtige  und  dringende  Sprache  reden.
Nur  wenn  in  unserer  Wirtschaft  überall  das  Produktivitätsprinzip  und
nicht  das  Rentabilitätsprinzip  herrschend  wäre,  könnte  man  durch  Zusammenfassung ­
  aller  produktiven  Kräfte,  die  der  Krieg  absorbiert,  den  von  ihm  verursachten ­
  Schaden  berechnen.  Es  geht  aber  nicht  an,  bei  den  sonstigen  Betrachtungen ­
  den  Geldgewinn  in  den  Vordergrund  zu  rücken,  bei  Betrachtungen
über  Heeresausgaben  aber  plötzlich  von  den  gebundenen  Arbeitskräften  zu
sprechen.  Man  übersieht  dann  gerne,  daß  wir  ja  fortwährend  Arbeitslose  auf
den  Märkten  haben  und  daß  Auswanderung  großer  Massen  manchen  Denkern,
wie  z.  B.  M51I,  geradezu  als  eine  Erlösung  erschien.  Die  Verwendung  von

3^)  Vgl.  z.  B.  A.  Wagner,  Das  Reichsfinanzwesen.  Jahrb.  f.  Gesetzgeb.,
Verw.  und  Rechtspfl.  d.  D.  Reiches.  1874,  III,  S.  64.
33)  C.  V.  Hock,  Die  Finanzen  und  die  Finanzgeschichte  der  Vereinigten
Staaten  von  Amerika.  Stuttgart  1876,  S.  470.  Tooke,  a.  a.  O.  I,  S.  55  f.
            
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