Object: Gesellschaftslehre

88 Die sozialen Anlagen des Menschen und das Wesen der Gesellschaft. 
lich bei größeren Kreisen das einzelne Mitglied der Gruppe wohl als teil- 
habend an deren Wesen und‘ Werten aufgefaßt, aber doch nicht als die 
volle Verkörperung ihres Wertes betrachtet wird und demgemäß auch 
keinen Anspruch auf Verehrung hat. (Näheres $ 29.) Notwendig ist 
die Herrschaft des Unterordnungstriebes aber nicht für das Auftreten 
der Liebe. Geliebt werden auch Kinder, obwohl ihnen gegenüber von 
jener Haltung selbstverständlich nicht die Rede sein kann; ebenso solche 
Erwachsenen, bei denen man sich die Größe ihrer Schwächen nicht ver- 
bergen kann und diese jene Haltung ebenfalls unmöglich macht; endlich 
auch fremde Gruppen, wie fremde Familien oder Völker in manchen Fäl- 
len, wo diese nicht als im Werte übergeordnet, sondern nur als gleichen 
oder gar geringeren Wertes gegenüber der eigenen Gruppe erscheinen. 
3. Wir wenden uns jegt zur Wirkung der Liebe. Macht sie blind 
oder macht sie hellsichtig? Die erste Auffassung wurde bereits vorhin 
abgewiesen. Mit besserem Recht ist von einer besonderen Hellsich- 
tigkeit der Liebe zu reden. Gerade die Liebe befähigt uns bekannt- 
lich zum tiefsten Verständnis eines Menschen, zum Erfassen seiner gan- 
zen Persönlichkeit aus einem einheitlichen Kern heraus. Nur auf diese 
Weise, durch ein Erfassen vom Kern her, kann aber überhaupt eine In- 
dividualität verstanden werden. „Die logische Kategorie des Individuums 
wird nur in der Bewegung der Liebe erfüllt“, sagt treffend Jaspers*). 
Mit dieser Art des Verstehens einer Persönlichkeit, wo sie ungetrübt 
zur Entfaltung kommt, verbindet sich dann auch ein, wie man sagt, liebe- 
volles Verständnis ihrer Mängel. Gewiß gehört eine einseitige Auffas- 
sung zum Wesen der Liebe, sofern sie die Lichtseiten betont und die 
Schattenseiten im Hintergrunde läßt. Hellsichtig ist die Liebe für den 
Wertgehalt ihres Gegenstandes unmittelbar nur für diesen; die Mängel 
hat sie eine Tendenz als versteckte Ware aufzufassen, und nur unter 
diesem Gesichtspunkt kommt sie ihnen nahe. Die geringe oder fehlende 
Beachtung und Bewertung der Mängel bildet in theoretischer Hinsicht an 
sich eine Schwäche der Liebe, die sich bei der Darstellung und Mitteilung 
besonders bemerklich macht. Die Haltung der Liebe ist nicht diejenige 
eines unparteiischen Betrachters, der seinem Gegenstand gerecht werden 
will, also nicht diejenige Haltung, die in der Regel als der normale Zu- 
stand des theoretischen oder erkennenden Menschen gilt. Aber die leg- 
tere Vorstellung paßt in voller Strenge nur für das generalisierende Er- 
kennen der Naturwissenschaften, während das individualisierende Er- 
kennen der seelischen und geistigen Welt unter eigenen Geseßen steht. 
Alles in allem gewährt die Liebe doch die günstigsten Bedingungen für 
1) Karl Jaspers. Psychologie der Weltanschauungen, S. 108,
	        
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