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Zweiundzwanzigstes Buch.
unerschöpflich, aus dem geringfügigsten Motive in anmutigstem
Zauber die wunderbarste thematische Arbeit hervorgehen zu
lassen, denn auch das Kleinste ward ihm zum Gleichnis des
Ganzen. Und er war hart genug, in der Furchtbarkeit des
Erhabenen Felsblock über Felsblock aufeinanderzutürmen; sein
musikalischer Kosmos ist grenzenlos. So über der Masse und
über der Feinheit der Töne stehend, war er zum Herrscher ge—
boren; und herrschend spielte er mit den Formen, zur humor—
vollen Feier des vielleicht persönlichsten aller Triumphe. Aber
neben dem Humor steht bei ihm das Pathos — ja sein Humor
selbst ist herb und pathetisch —: die große, die erhabene Leiden—
schaft. In ihrer Herrschaft häuft der Meister Motiv auf Motiv
und Satz auf Satz und ergeht sich in den brausenden Akkorden
seiner Finales. Denn von Heldengefühlen pflegt er am Schluß
jeder größeren Komposition Abschied zu nehmen, indem er seine
innerste Natur eröffnet.
So war er im Grunde Dramatiker; seinen Kompositionen
fehlt oft zum Drama nichts als die sichtbare Form der Dar—
stellung. Indem er sie aber vermied, machte er die Musik erst
völlig zu dem, was sie in einem Zeitalter des Subjektivismus
sein muß: zu einer Kunst des Ausdruckes innersten Lebens.
Bildeten Haydn und auch Mozart noch das schöne Sein als
solches und errangen dadurch einen besonderen Kanon musika⸗
lischer Schönheit, wie einst Raffael einen solchen der malerischen
erreicht hatte, so gleicht Beethoven eher Michelangelo, denn
die Empfindung setzt sich bei ihn um ins Bewegte. Daraus
folgt denn, daß er die musikalische Tektonik der viersätzigen
Zyklen aufs äußerste füllt, wenn nicht gar schon lockert, daß
Gemütsbewegungen die Form auch im einzelnen durchbrechen,
daß neben den harmonischen Zusammenklang der Töne häufiger
als früher die Zwischengefühle darstellende Dissonanz tritt, so—
weit sie den Schönheitskanon der Zeit noch nicht aufhebt, daß
in den Harmonien entferntere Beziehungen und Übergänge
bevorzugt werden, und daß endlich bereits in der ersten Periode
des Schaffens allmählich alle nur schönen Verzierungen und
Blüten hinwegfallen, soweit sie nicht dem unmittelbaren Aus—