Kapitel 1. Die historische Schule und der Streit über die Methoden. 458
seiner Verfügung hat, um sich in der Menge der Einflüsse, die sich
in der Wirklichkeit kreuzen, zurechtzufinden. Das Verfahren, auch
wenn es ohne große praktische Bedeutung wäre, würde gerechtfertigt
sein, selbst wenn der so isolierte Beweggrund nebensächlich wäre.
Dies um so mehr, da der Beweggrund, um den es sich hier handelt,
die Jagd nach Gewinn, oder die Befriedigung materieller Bedürfnisse,
auf die wirtschaftlichen Handlungen unbestreitbar eine vorherrschende
Wirkung ausübt 1 ).
Dieses Verfahren ist so natürlich, wir können sogar sagen, so
unentbehrlich, — um dem Geist zu gestatten, sich unter der Viel
fältigkeit der Tatsachen zurechtzufinden, daß die Kritik der historischen
Schule den in der wirtschaftlichen Literatur seit etwa 80 Jahren
immer bezeichnender werdenden Aufschwung der abstrakten und de
duktiven Methode nicht verhindert hat. Es ist wahr, daß die modernen
Nachfolger der Klassiker, wenn sie die abstrakten Methoden wieder
zu Ehren gebracht haben, sie nicht mehr wie die ersten Klassiker
handhaben. Sie haben der Deduktion einen festeren Ausgangspunkt
gegeben, indem sie eine exaktere psychologische Analyse der Be
dürfnisse aufstellen, die das persönliche Interesse befriedigen soll 2 ).
Auf der anderen Seite haben sie gerade den Mechanismus der De
duktion vervollkommnet, indem sie sich nicht nur der Regeln der
gewöhnlichen Logik bedienten, sondern auch die der mathematischen
Analyse anwandten. Die Schlußfolgerungen nun, zu denen sie in
einer großen Anzahl von Punkten kommen, unterscheiden sich außer
ordentlich von denen der Klassiker.
Glücklicherweise bietet der Gegensatz der induktiven und de
duktiven Methode, der von der historischen Schule aufgebracht worden
ist, heute kein besonderes Interesse mehr. Die bedeutendsten Volks
wirtschaftler haben beide Methoden als gleicherweise notwendig an-
‘) Ygl. Kaki, Mengeb, Untersuchungen, usw. S. 79. „So wenig wie die
reine Mechanik die Existenz mit Luft erfüllter Räume, die Reibung usf., so wenig ,
die reine Mathematik die Existenz realer Körper, Flächen und Linien leugnet, . . .
so wenig die reine Chemie den Einfluß physikalischer und die reine Physik den
Einfluß chemischer Faktoren bei Gestaltung der realen Erscheinung negiert, ob zwar
jede dieser Wissenschaften nur eine Seite der realen Welt berücksichtigt, und von
allen anderen abstrahiert: sowenig behauptet ein Nationalökonom, daß die Menschen
faktisch nur vom Eigennutze geleitet, oder aber unfehlbar oder allwissend seien, ,
weil er die Gestaltungen des sozialen Lebens unter dem Gesichtspunkte des freien,
durch Nehenrücksichten, durch Irrtum und Unkenntnis unbeeinflußten Spieles des
menschlichen Eigeninteresses zum Gegenstand seiner Forschung macht.“ Im gleichen
Sinne: Adole Wagner, o p. c i t. § 67 ff., und Mabshall.
2 ) Die heutigen deduktiven Volkswirtschaftler verachten die Psychologie so
wenig, daß man sogar gewissen von ihnen (den Österreichern) den Namen „Psycho
logische Schule“ gegeben hat. Man kann behaupten, daß sie in dieser Hinsicht viel
weiter gegangen sind, als die historische Schule.