Full text : Abriss einer Geschichte der Theorie von den Produktionsfaktoren

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Schluß  zu  ziehen  und  so  kommt  er  bei  der  Kapitalsanlage,  die  er
als  dritte  Möglichkeit  hinstellt 1 ),  dem  Ausleihen  auf  Zins,  in  arge
Schwierigkeiten;  denn  wie  ist  es  zu  erklären,  daß  jemand  Zinsen  verlangen ­
  kann  für  eine  Geldsumme,  die  doch  gar  nicht  imstande  ist,
diese  Zinsen  wieder  einzubringen,  da  ihr  ja  jede  Produktivität  mangelt?
Und  diese  unsere  Spannung  nach  der  Lösung  des  Rätsels  wird  vermehrt, ­
  wenn  wir  lesen *  2 ):  „Der  Preis  des  Darlehns  ist  keineswegs,
wie  man  sich  wohl  einbilden  könnte,  auf  den  Gewinn  gegründet,  den
der  Entleiher  mit  dem  Kapital,  dessen  Benutzung  er  kauft,  zu  machen
hat.“  Und  nun  kommt  im  §  74  die  Antwort,  die  eigentlich  gar  keine
Antwort  ist:  „Der  Verleiher  ist  berechtigt  den  Darlehenszins  zu  fordern
einzig  aus  dem  Grunde,  weil  sein  Geld  ihm  gehört.  Er  ist  ja  nicht
verpflichtet  es  auszuleihen;  tut  er  es  dennoch,  so  kann  er  es  unter
den  Bedingungen  tun,  die  ihm  passen.“  Die  Unzulänglichkeit  dieser
Erklärung  tritt  sofort  klar  zutage,  wenn  wir  die  entsprechende  Parallele
beim  Grund  und  Boden  ziehen:  der  Verpächter  von  Grund  und
Boden  wäre  demnach  berechtigt,  doppelte  Pacht  zu  fordern,  erstens
weil  das  verpachtete  Grundstück  Früchte  bringt,  zweitens  weil  es  ihm
gehört.  Es  müßte  demnach  die  Anlage  von  Kapital  in  Grund  und
Boden  rationeller  sein,  als  die  Anlage  derselben  Summe  in  gewerblichen ­
  Unternehmungen,  da  letztere  bloß  den  Zins  bringen,  der  aus
dem  Eigentumsrechte  entspringt,  während  ersterer  außerdem  noch
die  Bodenprodukte  hervorbringt.  Aber  dem  widerstreitet  wieder  das,
was  er  in  den  §§  84—86  ausführt,  nämlich:  daß  es  nur  die  verschieden
große  Summe  von  Arbeit,  die  die  einzelnen  Anlagen  erfordern,  und
das  ungleiche  Risiko  sind,  die  das  angelegte  Kapital  je  nachdem
mehr  oder  weniger  tragen  lassen.
Noch  näher  auf  Turgots  Lehren  vom  Kapital  einzugehen,  erübrigt ­
  sich,  denn  wie  wir  sehen,  häuft  sich  schon  in  den  grundlegenden ­
  Sätzen  Widerspruch  auf  Widerspruch;  und  wenn  die  Grundlagen ­
  falsch  sind,  so  ist  das,  was  auf  ihnen  aufgebaut  ist,  erst  recht
unhaltbar.
Interessant  ist  seine  Wertlehre,  auf  die  ich  noch  einen  kurzen
Blick  werfen  möchte.  Wenn  er  auch  noch  keine  reinliche  Scheidung
zwischen  Wert  und  Preis  trifft,  so  läßt  sich  doch  erkennen,  daß  er
die  Dringlichkeit  des  Bedürfnisses  als  den  Hauptfaktor  ansieht 3 )?

*)  Turgot,  a.  a.  0.,  §  72  (S.  53).
2 )  Ders.,  a.  a.  0.,  §  73.
a )  Ders.,  a.  a.  0.,  §  33  (S.  23).
            
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