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Encyklopädie der Rechtswissenschaft (Bd. 1)

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Bibliographic data

fullscreen: Encyklopädie der Rechtswissenschaft (Bd. 1)

Multivolume work

Identifikator:
1896404200
Document type:
Multivolume work
Title:
Encyklopädie der Rechtswissenschaft
Place of publication:
Leipzig
Publisher:
Duncker & Humblot [u.a.]
Year of publication:
1904-
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Volume

Identifikator:
1896404219
URN:
urn:nbn:de:zbw-retromon-236878
Document type:
Volume
Title:
Encyklopädie der Rechtswissenschaft
Volume count:
Bd. 1
Place of publication:
Leipzig
Publisher:
Duncker & Humblot [u.a.]
Year of publication:
1904
Scope:
1114 S.
Digitisation:
2022
Collection:
Economics Books
Usage license:
Get license information via the feedback formular.

Chapter

Document type:
Multivolume work
Structure type:
Chapter
Title:
I. Rechtsphilosophie und Universalrechtsgeschichte von Professor J. Kohler in Berlin
Collection:
Economics Books

Contents

Table of contents

  • Encyklopädie der Rechtswissenschaft
  • Encyklopädie der Rechtswissenschaft (Bd. 1)
  • Title page
  • Contents
  • I. Rechtsphilosophie und Universalrechtsgeschichte von Professor J. Kohler in Berlin
  • II. Zivilrecht

Full text

58 IL. Rechtsphilosophie und Universalrechtsgeschichte. 
Gesamtheit entgegenzusetzen; wenn er auf der einen Seite zu handeln und zu entschließen 
befugt wird, so wird ihm auf der anderen Seite geboten, in seinen Handlungen gewisse 
Güter der Menschheit zu wahren. Tut er dies nicht, so ist dies ein Sich-aufbäumen 
gegen die Gesellschaft, es ist ein Widerrecht, es ist die Schuld. 
Die Schuld verlangt ihre Sühne; die Sühne ist die Wiederherstellung des durch 
die Schuld herbeigeführten Unheils, des Unheils, das darin besteht, daß die soziale Ord— 
nung gebeugt und dadurch die Gesamtheit in Gefahr gesetzt wird; denn wer den Einzelnen 
zum selbständigen Handeln zuläßt, muß darauf bestehen, daß die soziale Ordnung gewahrt 
wird; unter der Zügellosigkeit des Einzelnen soll nicht das Ganze zu Grunde gehent. 
Die Sühne besteht in einem Schmerz, in einem seelischen Leiden, denn das seelische 
Leiden läutert den Einzelnen und stumpft auch für die Gesamtheit den Stachel der Schuld 
ab, weil sich die gerechte Entrüstung in Mitleid umwandelt und dadurch der Schuldige der 
Gesellschaft wiedergewonnen wird. Auch die sittliche Empfindung wird in der Gesamtheit 
gestärkt, wenn sie fühlt, daß derjenige durch Leiden gebeugt wird, der der Gesamtheit 
gefährlich zu werden drohte. J 
Das ist das Wesen der Strafe; dieses erschöpft sich daher nicht in Außerlichkeiten; 
es erschöpft sich nicht darin, daß die Strafe andere abschreckt: denn wenn dies auch der 
Fall, so wäre es immerhin kein gerechter Zustand, daß der eine (als souffre-douleur) 
büßen müßte, damit die anderen sich bessern; nur wenn die Strafe sich sühnend gegen 
den Täter selbst kehrt, ist sie gerecht. 
Ebenfowenig kann man sagen, daß die Strafe rein die Besserung des Täters zum 
Zwecke hat; dann müßte man den Unverbesserlichen nicht bestrafen, und beim Verbesser— 
uͤchen wuürde Strafe und Zwangserziehung zusammenfallen, während doch beides im höchsten 
Grade zu trennen ist. Der Landstreicher, der niemanden verletzt, bedarf oft einer viel 
längeren Zucht, als der Dieb oder Betrüger oder überhaupt der Gelegenheitsverbrecher. 
Dies gilt namentlich auch für das, was man heutzutage als Zweckstrafe aufstellt. Zweck— 
strafe besagt nur, was man früher als Strase kraft relativer Strafrechtstheorie be— 
zeichnete, also Strafe mit Abschreckungs-, Besserungszweck, Strafe mit Sicherungszweck, 
sofern die menschliche Gesellschaft gegen unverbesserliche Einzelwesen geschützt werden soll. 
Ist für letzteres ein Bedürfnis vorhanden, so darf man eine solche Absperrung nicht als 
Strafe behandeln: soweit der Verbrecher kraft der Gerechtigkeit Strafe verdient, ist ihm 
ein Leiden zuzufügen; soweit er aber noch außerdem, der Gefährlichkeit wegen, von der 
Gesellschaft abgeschlossen werden muß, ist ihm nur soweit Schmerz zu bereiten, als dies 
mit der Abschließung untrennbar verbunden ist. An der scharfen Abscheidung von 
Zwangserziehung, Sicherungsabschließung einerseits und Strafe anderseits hängt die Zukunft 
der Strafrechtswissenschaft. 
8 42. Blutrache. 
In den Zeiten, wo der Einzelgeist wenig entwickelt war und darum der Be— 
griff der Strafe, welcher gerade die Entgegensetzung der einzelnen Persönlichkeit und 
der Gesamtheit zur Voraussetzung hat, noch nicht auftauchen konnte, galt statt des Straf⸗ 
rechts das Racherecht. 
Die Rache ist eine der Strafe in manchen Beziehungen verwandte Einrichtung; 
sie beruht auf dem Gedanken, daß der Schuld eine Vergeltung zu teil werden müsse; 
allein sie entbehrt des sozialen Elementes: nicht deswegen will sie vergelten, weil der 
Einzelne sich gegen die Gesamtheit aufgebäumt hat und die Gesamtheit dies zu sühnen 
hat, sondern deswegen, weil der Einzelne verletzt wurde, und diese Verletzung will wieder 
eine Verletzung; das verlangt ein dem Menschen, ebenso wie anderen animalischen Wesen, 
ursprünglich innewohnendes Gefühl. Darum ist auch die Rache unbändig und blind; 
sie kennt, wenigstens in ihren ersten Entwicklungsstufen, kein Maß und kein Verhältnis. 
Sie trägt nicht zur Gesundung der Gesamtheit bei, sondern bietet Anlaß zu ständig 
Von mir näher ausgeführt in der Schrift: Wesen der Strafe (1888).
	        

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Encyklopädie Der Rechtswissenschaft. Duncker & Humblot [u.a.], 1904.
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