Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

286 Die Entstehung der exakten Wissenschaft. — Kepler. 
nicht mehr im Resultat, sondern in den begrifflichen Kompo- 
nenten. In diesem Sinne führt Kepler das Platonische Wort des 
Sv xl xohhd gegen Fabricius an: wie könnte es eine wahrhafte 
Einheit geben, die nicht die Vielheit in sich fasste und als Ur- 
sprung enthielte?®) Der Begriff der Veränderung enthüllt uns 
das Sein und Leben der Natur; die Ungleichförmigkeit auch aus 
den Erscheinungen verbannen, hiesse die Physik als Wissenschaft 
aufheben.®®) 
Zu voller Bestimmtheit aber entfaltet sich der neue Grund- 
gedanke erst in seiner scheinbaren dialektischen Umkehrung: 
denn wie das moderne Erkennen hier die Ungleichförmigkeit 
logisch begreifen und rechtfertigen musste, so muss es sie an 
anderer Stelle bestreiten und abweisen. Die alte Physik ruht auf 
der Anschauung des Gegensatzes der irdischen und himmlischen 
Sphäre: auf dem Widerstreit, der zwischen der Unveränderlichkeit 
der Himmelskörper und der sublunaren Welt, als dem Schauplatz 
des Wechsels und der Vergänglichkeit besteht. Gegenüber diesem 
Dualismus zweier physischer Welten gilt es die Einheit und 
Unverbrüchlichkeit des neuen Begriffs der Natur hervorzu- 
heben. Der Gedanke des Gesetzes schliesst, wenn er die Vielheit 
lordert, die „Ausnahme*“ von sich aus: es ist ein und dieselbe 
Verfassung des Alls, die uns in jedem seiner Punkte gleichmässig 
entgegentritt. Wir dürfen daher von einer gegebenen Einzel- 
erscheinung — etwa von dem Phänomen der irdischen Schwere — 
ausgehen und dennoch sicher sein, in ihr ein Beispiel allgemein- 
gültiger kosmischer Verhältnisse zu besitzen und festzuhalten. 
Denken wir uns diese latente Voraussetzung aufgehoben, so 
wäre damit der physikalischen Induktion und ihrer Anwen- 
dung der Boden entzogen. Im Grunde ist diese Anschauung nur 
eine Folgerung und ein Muster des Gedankens der durch- 
gängigen Relativität, wie er durch das neue astronomische Welt- 
system allmählich zur Anerkennung und Durchführung gelangt. 
Wie wir hier darüber belehrt werden, dass keinem Punkte des 
Raumes eine absolute auszeichnende Eigentümlichkeit und Sonder- 
stellung zukommt, dass es daher an und für sich gleichgültig ist 
von welcher Stelle wir ausgehen wollen, um die Gesamtgesetzlich- 
keit des Universums zu entwerfen und zu konstruieren: so kann 
auch im Gebiete der Physik nirgends eine feste, unbedingte Grenz-
	        
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