Full text : Die deutsche Hausindustrie

§  2.  Genoffenfchaften

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Händlern,  der  Zug  zum  Althergebrachten  und  das  Mißtrauen  gegen  jedes  neue
Unternehmen,  die  Selbftfucht  einzelner  ließen  von  1857  bis  1885  eine  Reihe  von
Verfuchen  genoffenfchaftlichen  Zufammenfchluffes  fehl  fchlagen.  Nur  eine
kleine  Genoffenfchaft  von  etwa  35  Schneflern  beftand  die  ganze  Zeit.  Im  Jahre
1885  gewann  der  Organifationsgedanke  durch  Gründung  eines  landwirtschaftlichen ­
  Konfumvereins  neue  Nahrung.  Seit  1889  beforgten  die  Kubier  ihren
Holzbedarf  gemeinfam.  Endlich  brachte  das  Jahr  1896  die  Ent|cheidung.
Trotz  des  glänzenden  Gefchäftsganges  wollten  die  Händler  keine  Lohnaufbesserung ­
  gewähren.  Dank  der  Bemühungen  des  Oberamtmannes  und  des
Ortspfarrers,  der  Übernahme  der  Gründungskoften  durch  die  Regierung,  eines
billigen  Darlehens  durch  die  Bezirksfparkaffe  konnte  anfangs  1897  die  „Holz-,
Rohftoff-,  Magazin-  und  Abfatzgenoffenfchaft  Bernau“  —  fpäter  „Holzwaren,
genoffenfchaft  Bernau“  —  begründet  werden.  Der  viergliedrige  Vorftand  beforgt
Feftfetzung  der  Rohftoffpreife  und  der  Taxen  für  die  von  den  Genoffen  gelieferten ­
  Fertigwaren.  Zwei  Vorstandsmitglieder  vertreiben  als  Reifende  die  Genoffenfehaftserzeugniffe.
  Der  Holzbedarf  wird  der  Genoffenfchaft  aus  freier
Hand,  nicht  durch  Verfteigerung,  aus  den  Staatswaldungen  geliefert.  Über  dem
Vorftand  ftehen  Auffichtsrat  und  Generalverfammlung.  —  Die  Genoffenfchaft
zählte  Januar  1913  wie  im  Vorjahre  101  Mitglieder.  Leider  find  die  Schnefler
der  Umgegend  nicht  angefchloffen.  Selbft  in  Bernau  hielt  die  Scheu  vor  der
unbefchränkten  Haftpflicht  und  den  hohen  Verwaltungskoften  noch  eine  Anzahl ­
  Außenfeiter  ab,  die  zum  Teil  an  die  Genoffenfchaft,  zum  Teil  an  Händler
liefern.  Aber  auch  hier  macht  fich  der  Einfluß  der  Genoffenfchaft  geltend,  die
Preife  können  nicht  mehr  beliebig  gedrückt  werden.  War  es  gegenüber  dem
württembergifchen,  thüringifchen  und  fächfifchen  Wettbewerb  nicht  möglich,
die  Löhne  wefentlich  zu  erhöhen,  „bei  der  Liebe  zum  alten  Handwerk  und
feinem  Schneidefel“  zieht  der  Schnefler  eine  Arbeit  bei  2—2,50  Mark  Tagelohn
felbft  höher  bezahlten  Fabrik-  oder  Waldarbeiten  dennoch  vor.  Er  ift  es  zufrieden, ­
  daß  er  fein  Auskommen  findet,  nicht  ausgebeutet  wird  und  auch  ohne
befondere  Beforgnis  in  die  Zukunft  fchauen  kann.
Haben  fich  fo  für  einzelne  hausinduftrielle  Gewerbe  tatfächlich  die  notwendigen
  Vorausfetzungen  für  eine  gedeihliche  Genoffenfchaftsbildung  gefunden, ­
  fo  ift  dadurch  der  gegenwärtigen  Generation  wohl  über  das  größte
Elend  hinweggeholfen,  die  Zukunft  des  Gewerbes  aber  an  fich  noch  nicht
gewahrt.  Dies  gilt  namentlich  für  die  mehr  handwerksmäßigen  Betriebe  der
Nagelfchmiede,  Korbmacher  ufw.  Es  ift  darum  nur  zu  begrüßen,  wenn  die  beteiligten ­
  Kreife  die  jungen  Leute  nach  Möglichkeit  in  andern  Berufen  unterzubringen ­
  verfuchen.
            
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